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Seenotrettung im Freisemester : Die Doktorarbeit muss warten

  • -Aktualisiert am

Maike Jäger Bild: Wolfgang Eilmes

Ein Aufruf auf Facebook führte zu dem spontanen Entschluss, Flüchtlinge aus Seenot zu retten. Nach einem Einsatz im Mittelmeer erzählt die Medizinstudentin Maike Jäger, wo sie nur kann, von ihren Erlebnissen.

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          Eigentlich war das Freisemester für ihre Doktorarbeit gedacht. Ob sie die so schnell fertig bekommt wie ursprünglich geplant, das weiß die Frankfurter Medizinstudentin Maike Jäger noch nicht. „Das andere ist mir wichtiger“, sagt sie. Jäger verbringt momentan viel Zeit damit,die Öffentlichkeit auf das aufmerksam zu machen, was gerade auf dem Mittelmeer passiert. „Da sterben Menschen, und keiner rettet sie.“

          Zwei Wochen lang war die Vierundzwanzigjährige im Juni auf einem Rettungsschiff von „Sea Eye“ unterwegs. Die Organisation rettet von Malta aus schiffbrüchige Flüchtlinge im Mittelmeer. Jäger, eigentlich eine Landratte, musste sich erst an das Leben an Bord gewöhnen. Wache halten, putzen oder Essen machen gehörten zum Alltag. Gleichzeitig die ständige Anspannung.

          Bei einem Vorbereitungstreffen wurde ihr erklärt, was es bedeuten kann, Menschen von einem sinkenden Flüchtlingsboot zu retten. „Sie haben uns dort Videos von Rettungsmissionen gezeigt, solche, die man nicht in der ,Tagesschau‘ sieht“, erinnert sie sich. Sie macht eine kurze Pause und spielt mit den Händen an ihrem roten Schal. „Dass wir niemanden retten durften, diese Hilflosigkeit, darauf war ich nicht vorbereitet“, sagt sie mit zitternder Stimme.

          Die Rückkehr war frustrierend

          Zweimal wurde die Crew an Rettungseinsätzen gehindert. Einmal bekamen sie keine Unterstützung von der italienischen Küstenwache, ohne die sie nicht in die libyschen Hoheitsgewässer fahren konnten. Ein anderes Mal wurde dem Rettungsschiff von den Niederlanden, unter deren Flagge es unterwegs war, die Erlaubnis entzogen, auf See zu sein. Daraufhin musste die „Seefuchs“ nach Malta zurückfahren, wie Jäger berichtet. 360 Menschen seien deswegen ertrunken.

          Sie sei nie besonders politisch gewesen, sagt Jäger. Als Schülerin war sie im Schulsanitätsdienst, später engagierte sie sich bei den Maltesern. Zur Teilnahme an der Rettungsmission hat sie sich entschlossen, als sie im Februar einen Aufruf auf Facebook gesehen hatte. Noch am selben Tag bewarb sie sich. „Ich war schon immer ein spontaner Mensch.“ Unter den 13 Crewmitgliedern waren auch ein Bäckermeister, eine Journalistin und ein Optiker.

          Die Rückkehr sei frustrierend gewesen. „Ich hatte irgendwie das Gefühl, dass wir nichts erreicht haben.“ Aber das wolle Jäger nicht hinnehmen. Bei einer Kundgebung der Organisation „Seebrücke“ in Offenbach entschloss sie sich spontan dazu, den Anwesenden von der Rettungsmission zu berichten. „Ich war unglaublich aufgeregt und habe gezittert“, erinnert sie sich. Eigentlich tue es ihr auch nicht besonders gut, immer wieder darüber zu reden. „Wenn nötig, dann werde ich es aber noch 10.000 Mal tun.“

          Ob sie bis November noch einmal auf eine Rettungsmission fahren wird, weiß Maike Jäger noch nicht. „Ich brauche noch etwas Zeit, um das zu verdauen.“ Bis dahin spricht sie auf Demonstrationen, nimmt an Podiumsdiskussionen teil und fordert Menschen dazu auf, sich zu engagieren. „Es ist toll, dass ihr hier seid“, hat sie den Teilnehmern einer „Seebrücke“-Demonstration in Frankfurt zugerufen. „Aber das reicht einfach nicht. Ihr könnt alle noch mehr machen!“

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