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Kolumne „Nine to five“ : Komplett erholt

Bändchen am Arm: Irgendwie sahen die meisten Kollegen komplett erholt aus. Bild: Frank Röth

Muschelkette, Surferbandchen, braun gebrannte Wangen: Die Kollegen Huber, Schmidt und Meier trafen sich nach ihren Urlauben in der Kantine wieder, sichtlich erholt. Aber was bloß war denn mit dem Müller los?

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          Ob er in diesem Jahr schon im Urlaub gewesen war – das musste Schmidt den Kollegen Huber gar nicht erst fragen, als sie sich seit langem mal wieder in der Mittagspause an ihrem üblichen Tisch trafen, ganz hinten links in der Kantine. Huber sah so unverschämt erholt aus! Die dunklen Ringe unter den Augen waren verschwunden, die Wangen gebräunt, am Arm baumelte noch das Bändchen von irgend so einem Surfer-Festival. „War’s schön am Pazifik?“, fragte Schmidt, und Huber antwortete mit einem freundlichen: „Ja, sehr. Und hier: Was gibt’s Neues?“ – „Keine Ahnung“, antwortete Schmidt: „War selbst drei Wochen nicht da.“

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          In der Tat: Auch Schmidt war anzusehen, dass sein Urlaub noch nicht lange her sein konnte: Für seinen spätsommerlichen ersten Arbeitstag hatte er ein rosafarbenes Kurzarmhemd gewählt, das über dem Bauch ein klein wenig mehr spannte als noch vor den Ferien, und auch er trug ein Bändchen am Arm, allerdings von einem All-Inclusive-Resort in der Karibik. „Kulinarisch war das der Hit dort auf Barbados“, schwärmte er gerade, als Kollegin Meier sich mit einem Essenstablett zu der Runde gesellte. Am Hals trug sie eine neue Muschelkette, ihre Frisur war ebenfalls neu und die Haare ein gutes Stückchen blonder als zuvor. „Von der Sonne“, versicherte sie auf Nachfrage, während sie die Anekdote, dass sie die Muscheln ihrer Kette selbst gesammelt hatte, allen völlig ungefragt auf die Nase band – war ja schließlich viel Arbeit gewesen, aber ach: „So eine entspannende Art Arbeit, so richtig zum Runterkommen“, schwärmte sie.

          Da trat Kollege Müller an den Tisch. „Und, was sagt ihr zur neuen Sparrunde hier im Haus“, fragte er zur Begrüßung. „Sparrunde?“ Fragende Blicke, keiner hatte etwas mitbekommen. Müller erzählte. Von der neuen Dienstreiseordnung. Vom gestrichenen Betriebssport. Und davon, dass es ab sofort nur noch zwei statt drei Kantinengerichte gibt – „habt ihr das gerade gar nicht bemerkt beim Essenholen“?

          Nein, bemerkt hatte das keiner. Vielmehr hatten sie sich tuschelnd den Kopf darüber zerbrochen, wie gestresst Kollege Müller aussah. Bleich im Gesicht, tiefe Sorgenfalten, leichte Rötungen um die Nase, offenbar Spuren eines gerade überstandenen Schnupfens. Die Hose schlackerte an den Beinen, er schien auch abgenommen zu haben. Was war bloß mit dem los? Bis es Huber endlich eingefallen war: Der Kollege hatte ja gar keine schulpflichtigen Kinder. Der war noch gar nicht in den Ferien gewesen! „Sparprogramm hin oder her“, sagte Müller denn auch, nachdem er sich gesetzt hatte. „Ich fliege am Montag erst mal für zwei Wochen nach Mallorca.“

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