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Schauspielpatienten : Die ausgebildete Kranke

Bild: Andreas Brand

Schauspielpatienten sind fester Bestandteil des Medizinstudiums. Mit ihnen lernen angehende Ärzte, was im Studium zu kurz kommt: Empathie und Kommunikation.

          3 Min.

          Ihre Bühne ist ein Krankenhauszimmer, ihre Rollen sind Arzt und Patient, ihre Zuschauer Medizinstudenten und ein Dozent. Das Stück, das Dagmar Rösch und Timo Leygeber aufführen, ist aber mehr als das Präsentieren von einstudierten Drehbüchern, es ist eigentlich auch kein Schauspiel, sondern viel mehr eine Improvisation, eine Probe für den Ernstfall - nicht nur für den angehenden Mediziner, sondern auch für die ausgebildete Schauspielerin Rösch. Sie liegt im Schlafanzug schwer atmend im Bett, die Finger an die Bettdecke gekrallt. Leygeber sitzt ihr im weißen Kittel gegenüber. Die Dramaturgie nähert sich dem Höhepunkt. Der Student muss der Patientin vermitteln, dass sie wegen der fortschreitenden Krankheit nicht mehr lange zu leben hat.

          Zu Beginn des Gespräches kann er sich noch hinter Röntgenbildern verstecken, doch Rösch lässt nicht locker, sie „will wissen, was das für mich genau heißt“. Timo Leygeber holt tief Luft und erklärt ruhig: „Wir reden bei der Zeit, die ihnen noch bleibt, von Wochen.“ Seine Kommilitonen, die das Gespräch hinter verspiegelten Scheiben beobachtet und belauscht haben, finden, dass Leyengeber das Patientengespräch gut gemeistert hat. Auch Rösch, die dem angehenden Mediziner in einem anschließenden Seminar ein Feedback geben soll, ist voll des Lobes.

          Kommunikation, Haltung und Empathie

          An immer mehr Unikliniken in Deutschland werden Schauspielpatienten in der Ausbildung der Mediziner eingesetzt. Dadurch sollen die angehenden Ärzte lernen, was im Studium zu kurz kommt: Schlüsselkompetenzen wie Kommunikation, Haltung und Empathie. „Das sind nämlich nicht etwa Fähigkeiten, die man besitzt oder nicht, sondern vor allem kognitive Leistungen, in die man sich mit dem nötigen Wissen hineindenken und hineinarbeiten kann“, erklärt Christine Schiessl, die in Köln den Unterricht mit den Schauspielpatienten leitet.

          Doch nicht nur für die Mediziner birgt die Zusammenarbeit zweier so unterschiedlicher Berufsgruppen viel Lehrreiches, auch die Schauspieler profitieren. Für sie eröffnet sich auf einem hartumkämpften Arbeitsmarkt ein neues Tätigkeitsfeld. Allein in Köln sind jedes Semester rund 30 Akteure fest engagiert. Die Rollen im Studentenunterricht haben für die Schauspieler oft mit der Realität des eigenen Lebens mehr gemeinsam als viele Rollen auf der Bühne. Doch Dagmar Rösch bekommt das gut hin. Nachdem das Übungsgespräch vorbei ist, holt sie tief Luft, fährt sich über das Gesicht, zieht den Schlafanzug aus und macht sich frisch.

          Auch für die Schauspieler eine Herausforderung

          Rösch hat an einer Schauspielschule in Köln gelernt und schon auf vielen Bühnen in Deutschland gespielt. Sie stand bei RTL-Fernsehserien wie „Alles was zählt“ und ARD-Produktionen vor der Kamera. Viele der Schauspieler, die an der Uniklinik tätig sind, haben zurzeit kein Engagement. Als einen ernstzunehmenden neuen Arbeitsmarkt für Schauspieler sieht Rösch die Arbeit mit Studenten aber nicht. „Dafür verdient man dabei einfach zu wenig Geld“, sagt die schmale Frau mit dem dunklen Kurzhaarschnitt. Allerdings sei es ein gutes Trainingsfeld. Das individuelle Reagieren und Improvisieren schule die schauspielerischen Fähigkeiten.

          Das Besondere an der Arbeit mit Medizinstudenten ist für Rösch, dass das Gegenüber kein Schauspieler ist, sondern ein Mensch, für den die Situation einmal zum Berufsalltag gehören wird. Außerdem seien das „Feedback-Geben“ und sich während des Spielens zu merken, was gut und was nicht so gut sei, „eine echte Herausforderung“.

          Nachdem zu Beginn des Projektes die Schauspieler vor allem nach der passenden Optik zum Fall ausgesucht wurden - jung, alt, dünn, dick - ist zunehmend ihre Feedback-Kompetenz - konstruktive Kritik verständlich zu vermitteln - ein wichtiges Auswahlkriterium geworden. In einem eigenen Casting am Anfang des Semesters wählt Theaterpädagoge Christian Thrien die Schauspieler aus. Außerdem übt er mit ihnen die Rollen ein und schult sie darauf, die Grenzen der Studenten zu erkennen und Kommunikationsregeln der Rückmeldung zu beachten.

          „Teilzuhaben an der Ausbildung der zukünftigen Ärzte macht einfach Spaß. Außerdem habe ich selbst viel über das richtige Kommunizieren gelernt“, sagt Rösch. Manchmal ertappt sie sich dabei, wie sie bei einem Arztbesuch innerlich das Arztgespräch nach bestimmten Kriterien bewertet. Insgesamt habe sich ihr Bild von Ärzten aber positiv gewandelt, was vor allem an dem Einsatz und dem Eifer liege, den sie bei den jungen Menschen im Studium beobachte.

          Schiessl setzt die Schauspielpatienten auch in Seminaren für „fertige Ärzte“ ein. Oft bekommt sie dabei von ihren erfahrenen Kollegen positive Rückmeldungen. Allerdings sei es für viele ältere Mediziner schwierig, den Wert eines solchen Kommunikationstrainings zu würdigen. Das bedeute nämlich, Defizite in seiner Arbeit zu erkennen. Außerdem gehöre das Beherrschen einer empathischen Gesprächsführung für viele Ärzte leider immer noch nicht zu den Qualifikationen, die man in diesem Beruf haben müsse. Sie selbst lerne auch immer noch von dem Feedback der Schauspieler genauso wie von den Studierenden. „Wenn da geniale Sätze dabei sind, dann notiere ich mir die und versuche sie in meiner täglichen Arbeit mit Patienten anzuwenden.“

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