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Sprache des Ruhrgebiets : Hömma, Kumpel!

Duisburg ist eine typische Ruhrgebietsstadt. Ludger Claßen beschäftigt sich mit der Sprache, die dort gesprochen wird. Bild: dpa

Wie ist die bemerkenswerte Karriere des Ruhrdeutschen zu erklären? Ludger Claßen von der Universität Duisburg-Essen gibt Beispiele und räumt mit Vorurteilen auf.

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          Es ist ein Gemeinplatz, und auch Volker Steinkamp, Prodekan der Fakultät für Geisteswissenschaften an der Universität Duisburg-Essen, verwendet ihn in seiner Begrüßung: dass „Honorarprofessor“, wie er einen einschlägig geehrten Juristen zitiert, „eines der irreführendsten Wörter überhaupt“, ja, ein „besonders gemeiner Euphemismus“ sei, da er finanzielle Erwartungen wecke, die dann nicht eingelöst würden. Umgekehrt aber sei der Titel, darauf legt der Romanist Wert, nicht als Prominenten-Bonus oder im Tauschgeschäft für Drittmittel zu haben; überhaupt vergebe ihn die Fakultät erst zum zweiten Mal, während das, wie später im inoffiziellen Teil gelästert wird, in den Ingenieurwissenschaften, wo es schon 21 dankbare Abnehmer gebe, ganz anders sei.

          Andreas Rossmann
          Freier Autor im Feuilleton.

          Aber dann schienen es doch zwei zu sein, die im Glaspavillon am Campus Essen ausgezeichnet wurden, denn neben Ludger Claßen, Jahrgang 1953, stand jemand unsichtbar mit am Pult, der ihm als sein nicht-akademisches Alter Ego die Stimme lieh: „Kumpel Anton“. Die fiktive Figur hat am Barbaratag des Jahres 1954 das Licht der Welt erblickt, als der Sportredakteur Wilhelm Herbert Koch die erste Glosse unter diesem Namen in der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung veröffentlichte, und so schnell Kultstatus erreicht, dass sie, so der Bochumer Oberbürgermeister Heinz Eikelbeck 1975, den „Typ des Ruhrgebietsmenschen schlechthin verkörperte“. Was nicht minder – und doch ganz anders – auch für den Essener Claßen gilt, der in mehr als dreißig Jahren an der Spitze des Klartext-Verlags rund 3500 Bücher, die meisten von ihnen zum Ruhrgebiet, herausgebracht hat. Diese Verwurzelung in der Region aber wird in keinem der vielen Bücher so direkt angesprochen wie in dieser Antrittsvorlesung: „,Undazzollense uns woanners erss mal nammachen!‘ Sprache und regionale Identität im Ruhrgebiet.“

          „Kumpel Anton“, der ein Vierteljahrhundert lang in der Wochenendausgabe der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung dem Volk aufs Maul schaute, aber nicht nach dem Mund redete, wurde von Claßen als Schrittmacher des regionalen Selbstbewusstseins interpretiert, der die Alltagssprache des Ruhrgebiets programmatisch aufwertete. Entstanden ist sie Ende des neunzehnten Jahrhunderts als Varietät des Hochdeutschen, und an die Stelle der regionalen Dialekte ist sie getreten, weil die aus dem In- und Ausland zugewanderten Arbeiter sich in der Standardsprache leichter verständigen konnten. Die soziale Stigmatisierung der Dialekte übertrug sich gleichwohl, blieb aber, anders als in Bayern oder Schwaben, auf den privaten und informellen Bereich beschränkt.

          Der Stolz des Ruhrgebiets

          Das bis in die sechziger Jahre des zwanzigsten Jahrhunderts populäre Vorurteil, dass das Ruhrdeutsche „Polnisch rückwärts“ sei, entbehrt, so Claßen, schon deshalb jeder Grundlage, weil die aus Masuren stammenden Migranten fast alle preußische Staatsbürger waren. Nachweisbare Einflüsse des Polnischen gebe es nur wenige, so „Matka“ (Mutter), „Mottek“ (dicker Hammer) und „Pinunsen“ (Geld). Vielmehr prägten das Ruhrdeutsche diese Merkmale: weiche Konsonanten zwischen Vokalen („Mudder“, „Vadder“), ein „g“, das den Laut „j“ ersetzt („gezz“, „geeden Tach“), Kontraktionen („Hömma“, „Kumma“), das Verschwinden des „r“ nach Vokalen („staak“, „kuoz“, „Kioche“) sowie das Vertauschen von Dativ und Akkusativ („mit sein Auto“).

          „Kumpel Anton“ machte Ruhrdeutsch gesellschaftsfähig, und als er in Rente ging, war die Zeit reif für eine Nachfolgerin, die, erfunden von Rainer Bonhorst, einem Kollegen Kochs, die Chancen des Strukturwandels genutzt hatte. Dr. Antonia Cervinski-Querenburg war, mit dem Standort der Ruhr-Universität im Doppelnamen, eine Sprachforscherin, die gewitzt über den Tellerrand blickte: „Das bayrische Zamma heißt ‚zusammen‘. Das Ruhrgebietszamma heißt ‚zeig mal‘“, erklärte sie im Dialog mit einem Reporter.

          Über das Revier hinaus aber wurde Ruhrdeutsch erst bekannt, als sich Jürgen von Manger an Silvester 1961, sieben Jahre nach dem Debüt von „Kumpel Anton“, im NDR als Adolf Tegtmeier vorstellte. Elke Heidenreich alias Else Stratmann, Metzgersgattin aus Wanne-Eickel, Uwe Lyko alias Herbert Knebel, Gerburg Jahnke und Stephanie Überall („Die Missfits“), Helge Schneider und andere sorgten für einen Boom des Kabaretts, der mit einer neuen Stigmatisierung einherging: „Die sprachlichen Merkmale werden konzentriert, wodurch sich Überzeichnungen mit dem Effekt der Karikatur ergeben“, befand der Bochumer Germanist Siegfried Grosse 1990.

          Doch die Karriere des Idioms geht, so zeigte Claßen, weiter: „Je mehr sich das Industriezeitalter seinem Ende näherte, desto erfolgreicher wurden Glossen, Kabarett und Comedy, die Ruhrdeutsch als Erinnerungsort auf der Bühne und in den Medien präsentieren und wachhalten.“ Dabei erfährt die Sprache, so ließe sich ergänzen, eine ähnliche Umwertung, wie sie herausragenden baulichen Hinterlassenschaften der Schwerindustrie zuteilwird. Aus ihrer Funktion entlassen und neuen Nutzungen zugeführt, stehen sie für den Stolz des Ruhrgebiets, das schon lange nicht mehr dem Bild von „Kumpel Anton“ entspricht: „Bisschen schwazz und viel Russ / Unnich so schön wie im Sauerland!“

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