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Wissenschaftsbibliotheken : Risse im barocken Universum

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Juwel der Friedensteiner Sammlung: das „Gothaer Stundenbuch“ Bild: picture-alliance/ dpa

Schloss Friedenstein ist ein Juwel unter den deutschen Forschungsbibliotheken. Die anstehende Sanierung droht die einzigartige Institution zu zerreißen.

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          Als die Gutachter des Wissenschaftsrats die Forschungsbibliothek Gotha 2015 evaluierten, waren sie überrascht über die Reichhaltigkeit der Dinge, die sie auf Schloss Friedenstein zu sehen bekamen. Nach der ersten Begehung kündigten sie ungewöhnlicherweise einen zweiten Besuch an, um die Verhältnisse noch besser kennenlernen und beurteilen zu können. Gäbe es eine Rangliste der am meisten unterschätzten Bibliotheken in Deutschland, verdiente die Forschungsbibliothek Gotha einen Spitzenplatz.

          Diese Bibliothek, beinahe 375 Jahre alt, gehört zu den großen fürstlichen Gründungen der Frühen Neuzeit, deren Gepräge sich über die Jahrhunderte hinweg unverfälscht erhalten hat. Heute ist sie eine wissenschaftliche Einrichtung der Universität Erfurt, sie forscht und unterstützt Forschung. Das Ergebnis der Evaluation konnte für die Bibliothek damals kaum besser ausfallen. Kein Thema aber war der prekäre Zustand des Gebäudes, in dem sie untergebracht ist.

          Die Attraktivität der Bibliothek beruht zum einen auf ihrer Einbindung in das „barocke Universum“, von dem die benachbarte Stiftung Schloss Frieden­stein gern spricht. In und um das Schloss herum befinden sich die fürstlichen Repräsentationsräume aus Barock und Klassizismus, die Kunstkammer, das Herzogliche, das Historische und das Museum der Natur, das Ekhof-Theater, die Schlosskirche, das Staatsarchiv und eine Parklandschaft im englischen Stil.

          Das Geld deckt eine Schwachstelle auf

          Zum anderen gründet ihre Anziehungskraft auf der Verbindung der Buchbestände mit den historischen Räumlichkeiten. Die bis unter die hohen Decken mit Büchern gefüllten Räume über drei Etagen, das Münzkabinett mit den Originalschränken von 1712, das Geographie-Zimmer oder der Pfeilersaal im Ostturm sind außergewöhnlich, weil Sammlung und Raum in Beziehung zueinander stehen. Wenn so alte Bibliotheksbestände andernorts überhaupt unversehrt bis in unsere Tage erhalten sind, befinden sie sich nicht mehr in der Obhut ein und derselben Organisation, in ihren angestammten Räumlichkeiten und in ihrem historisch gewachsenen Kontext. Neben Gotha ist nur noch in Weimar ein ähnlich intakter Zusammenhang anzutreffen, in kleinerem Maßstab auch bei den Franckeschen Stiftungen in Halle. In Wolfenbüttel hingegen stammt das Hauptgebäude der Herzog August Bibliothek aus dem späten neunzehnten Jahrhundert und entbehrt schon lange der Nachbarschaft der anderen fürstlichen Kunstschätze.

          Wissen war nie wertvoller

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          Der dritte und eigentliche Anziehungsgrund ist aber die Qualität des Bibliotheksbestandes. Ihren Kern bilden die Bücher, Handschriften, Autographen und Nachlässe aus der Zeit von der Reformation bis zur Aufklärung, darunter allein 1100 Briefe Martin Luthers oder solche von Erasmus von Rotterdam, Philipp Melanchthon und Jean Calvin. Luthers Schrift „Von der Freyheyt eynisz Christen menschen“ und eine arabische Handschrift sind Teil des Weltdokumentenerbes der UNESCO. Die ganze Sammlung der 3500 orientalischen Handschriften zählt nach Umfang und Qualität zu den bedeutendsten in Deutschland. Das kartographische Archiv des Verlages Justus Perthes mit mehr als 185.000 Karten ist das einzige seiner Art.

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