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Retter singen für Einwohner : Die Aachener Corona-Kult-Tour

Bild: Stadt Aachen

Ein Aktion mit singendem Kommissar und Feuerwehr sorgt für Furore in der Kaiserstadt. Doch die Initiatoren wollen die Bürger nicht bloß bespaßen.

          3 Min.

          Ist das jetzt Karneval oder Krisenmanagement? Die Aachener stutzen, staunen, um dann zu applaudieren und bewegt ihre Smartphones zu zücken: Mit Blaulicht fährt die Feuerwehr im Schritttempo durch die leeren Straßen, aus den Boxen singt ein Bariton den mehr als 50 Jahre alten Udo-Jürgens-Hit, „Immer wieder geht die Sonne auf“, darauf folgt eine sonore Stimme, die bittet, gut auf die Nachbarn, die Alten und Bedürftigen aufzupassen und sich nicht zu scheuen, die bei Problemen Feuerwehr oder Polizei zu informieren. Menschen reißen Fenster auf, winken, freuen sich über den Einsatz der Feuerwehr.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

          Die ungewöhnliche Corona-Aktion der Stadt Aachen hat ein Riesenecho ausgelöst und ist, so begeistern sich die Kaiserstädter, kitschig, aber cool und im Internet schnell Kult geworden. Schon am ersten Tag hat das launig-professionelle Video für die Stadt nie dagewesene Abrufzahlen von mehr als 110.000 Klicks allein auf der Videoplattform Youtube, und wird seitdem weiter verbreitet und geklickt und hat es sogar bis in die „Tagesschau“ gebracht.

          Besser hörte sich Aufklärungsarbeit nie an, so scheint es. Das liegt an kurzen Dienstwegen, schnellen Drähten und rheinländischer Frohnatur auch in schwierigen Zeiten. Vor allem aber liegt das an der guten Zusammenarbeit von Polizei, Feuerwehr und einem Mann, der als „singender Kommissar“ für flotte Schlagzeilen in Nordrhein-Westfalen sorgt. Oliver Schmitt ist seit vielen Jahren Kriminalhauptkommissar und ausgebildeter Sänger, der immer wieder mit dem Landespolizeiorchester NRW vor 15 000 Menschen in der Kölner Lanxess Arena brilliert. „Ich bin ein Zirkuspferd“, sagt der sympathische 49-Jährige und auch, „ich bin von Grund auf Polizist und von Grund auf Sänger“.

          „Das ist kein plattes Rumgesinge“.

          Die Idee zur Corona-Aktion hatte der Chef der Aachener Feuerwehr Jürgen Wolff auf seiner Fahrt zum Krisenstab, der sich seit fünf Wochen täglich im Tivoli, dem Fußballstadion der Stadt, berät. Zentrales Thema ist die Gefahrenabwehr, der Schutz der Bevölkerung, ganz konkret, wie die alten und einsamen Menschen geschützt werden können. Feuerwehrmann Wolff kannte Sänger Schmitt von einem Konzert, der Referent des Polizeipräsidenten, Thomas Hinz, wiederum betreibt hobbymäßig ein Tonstudio. Mittwochs kam die Idee, donnerstags ging es ins Studio. Sofort schlug Oliver Schmitt den Udo-Jürgens-Klassiker von der immer wieder aufgehenden Sonne vor, sang ihn ein und bekennt, „da steckt mein Herzblut drin, das ist kein plattes Rumgesinge“. Feuerwehrmitarbeiter und Polizeikollegen fanden sich, die mitsangen.

          Solche Videos sind oft gut gemeint, aber mittelgut gemacht. Das ist bei den Aachenern anders, Schmitts Stimme trägt, die Botschaft des Musikvideos „Hoffnung in Einsamkeit“ kommt professionell und menschlich rüber. Die vielen Stimmen der „systemrelevanten“ Frauen und Männer gehen zu Herz. So viel Authentizität kommt an. Rührende Momente begleiteten schon die Jungfernfahrt durch den Aachener Stadtbezirk Eilendorf. „Menschen springen auf den Balkon, vor die Haustür, winken, weinen, beklatschen die Fahrten der Feuerwehr. Das ist der Hammer“, berichtet Bernd Büttgens, Sprecher der Stadt.

          Getourt wird, solange wie nötig

          Der Hintergrund ist ernst und ein Appell, „achtet aufeinander in eurer Nachbarschaft“, tönt die Stimme. Im Video hat eine alte Dame ihren großen Auftritt, sie wohnt allein, ist auf Hilfe angewiesen und Oliver Schmitts 85 Jahre alte Mutter Hildegard. Sie dient als Beispiel, denn darum geht es: Allein lebenden Menschen beizustehen und notfalls die 110 oder 112 zu rufen. Tagsüber sind die zwölf Wagen der Feuerwehr in Stadt und Kreis auf genau festgelegten Routen unterwegs, werden hier und da schon freudig empfangen. Getourt werde so lange wie es nötig sei, ein täglicher Weckruf. Feuerwehrchef Wolff spricht im Video von „Achtsamkeit und Zusammenhalt“ und bittet, aufmerksam zu bleiben. „Denn Dunkelheit für immer gibt es nicht“, singt Oliver Schmitt dazu.

          Der von Schmitt eingesungene Song kann über alle bekannten Musik-Plattformen erworben werden, Der Download kostet in der Regel knapp einen Euro. Der Erlös geht an „Menschen helfen Menschen“, dem Hilfswerk der Aachener Zeitungen. „Wir sind überwältigt“, sagt Oberbürgermeister Marcel Philipp. Auch Polizeipräsident Dirk Weinspach ist voll des Lobes über das Musikprojekt der Stadt und Städteregion und davon, „gemeinsam kreative Wege“ zu gehen. Das zeigt sich auch in einer Information der Stadt: „Für Menschen, die keinen Zugang zu den Online-Musikplattformen haben, bitten wir um individuelle Lösungen. Aufgrund der aktuellen Situation ist ein Verkauf von CDs in Geschäften leider nicht möglich. Der Enkel kann aber zum Beispiel seiner Oma, die den Song gerne hätte, ihn für kleines Geld herunterladen, auf eine CD brennen und diese der Großmutter in den Briefkasten werfen.“

          Die Freude über die Blaulichttruppe ist so groß, dass viele Mitbürger begeistert in der Leitstelle dankten. So sehr sich die Feuerwehr über positive Resonanz freut, so bittet sie doch, die Nummer „112“ hierfür nicht zu benutzen. Auf allen anderen Kanälen freuen sich alle Projektpartner hingegen über Lob.

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