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Repetitorien : Nachhilfe für Hochschüler

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Andererseits, sagt Triesch, führe der einfachste Weg zum Bestehen über das Verstehen. Der Repetitor pauke aber nur Übungsaufgaben aus alten Klausuren, und wenn dann er, der Professor, die Aufgaben anders stelle, bekomme er böse Kommentare zu hören. "Das ärgert mich", gibt Triesch zu. Auch findet er, dass die Repetitoren seine Lernziele "torpedieren": "Mathematisches Wissen hat Struktur, man muss sie herleiten können." Mit bloßem Pauken sei es nicht getan.

Die Lücken bringen die Studenten schon aus der Schule mit

Den meisten Rep-Nutzern scheint es aber trotzdem zu reichen. Das weiß auch Michael Hoppe: Seit fast 25 Jahren bietet er in Wuppertal dem wirtschaftswissenschaftlichen Nachwuchs Mathematik- und Statistik-Repetitorien an. "Ich bringe den Studenten keine Statistik bei, sondern das Lösen von Textaufgaben bei dem jeweiligen Dozenten. Sie bestehen ihre Klausur dann mit der Note drei und besser, haben aber keine Ahnung von Statistik." Die Schuld am studentischen Nachholbedarf gibt der Mathematiker und Philosoph vor allem den Schulen: "Die Schüler erwerben heute so viele Kompetenzen, dass sie vor lauter Kompetenz nicht mehr rechnen können." Zudem dürften sie viel zu früh den Taschenrechner benutzen.

Ähnlich sieht es Markus Bause. Der Mathematikprofessor an der Bundeswehruniversität in Hamburg klagt: "Die Defizite haben enorm zugenommen, weil in der Mittelstufe die falschen Akzente gesetzt werden. Am schwersten wiegen die Lücken aus der siebten und achten Klasse. Sie auszugleichen, ist sehr schwierig." Mit Einführung des verkürzten Gymnasiums befürchtet Bause eine weitere "dramatische Verschlechterung". Seine Hochschule, die das Studium straff in Trimestern organisiert, versucht das Problem mit eigenen kostenlosen Mathe-Repetitorien aufzufangen.

Im Bachelor zählen die Noten von Anfang an

In das Klagelied vom Fehlen grundlegender Rechentechniken stimmt auch RWTH-Professor Triesch ein: "In den Vorkursen stellen wir immer wieder fest, dass die Studenten oft kein Bruchrechnen und keine Gleichungen mehr lösen können." Hinzu komme, dass heute alle Studenten stärker unter Notendruck stünden, weil alle Noten vom ersten Semester an auf dem Bachelor-Zeugnis zu finden seien. "Das zwingt zur Notenoptimierung. Viele gehen nur zum Rep, um eine bessere Note zu bekommen."

Der Physiker Markus Baumann, seit 2005 Gründer und Geschäftsführer der Studenten-Nachhilfe "Mathe-Esel" in Wuppertal, hat noch ein anderen Grund für den Besuch von Repetitorien entdeckt: "Jede Uni stellt extrem unterschiedliche Anforderungen. Beim Wechsel von der einen zur anderen Hochschule werden oft Scheine nicht anerkannt." Wenn da noch etwas nachgeholt werden müsse, kämen die Studenten zum Mathe-Esel. 90 Minuten Nachhilfe in der Kleingruppe kosten 29,50 Euro, die Zehnerkarte 280 Euro.

Es ist die Angst, die die Studenten umtreibt

Benjamin Schönfuß studiert im fünften Semester Maschinenbau an der RWTH. Den Rep-Ansturm seiner Kommilitonen kommentiert er so: "Gerade im ersten Semester lassen viele sich verrückt machen. Man hat dann auch noch nicht so den Überblick, worauf es ankommt." Seine Erfahrung: "Wenn man die Zeit, in der man zum Rep gehen könnte, stattdessen in das selbständige Lernen am Schreibtisch investiert, kommt man zu gleichen oder besseren Ergebnissen." Und man werde dann nicht überrascht von einer anderen "Klausurkultur" mit neuen Aufgabenstellungen.

Zudem empfiehlt er, die Sprechstunden der Professoren und Assistenten stärker zu nutzen. "Wer dort Fragen stellt, bekommt die besseren Informationen, gerade auch im Hinblick auf Klausuren."

Sechzig zu eins

Knapp 25 000 Professoren lehrten nach Angaben des Deutschen Hochschulverbandes im Jahr 2010 an deutschen Hochschulen, 1000 mehr als zehn Jahre zuvor.

Im gleichen Zeitraum stieg auch die Zahl der Studenten: um gut 160 000 auf 1,5 Millionen.

Das Betreuungsverhältnis verschlechterte sich dadurch: Kamen im Jahr 2000 auf einen Hochschullehrer noch 56 Studierende, so waren es zehn Jahre später bereits 60.

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