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Athematisches Lesen : Lassen wir die Sache

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Eine Philologie, die zu beschreiben versuchte, was und vor allem wie ein Text erkennt, wäre, Gadamer zum Trotz, gleichsam das Gegenteil einer philosophischen Hermeneutik. Zu lange schon hat die Philologie im Schatten der Philosophie geturnt – sogar August Boeckhs philologietheoretische Losung der „Erkenntnis des Erkannten“ verrät die dezidiert philosophische Perspektive. Langweilig wird es den Philologen also nicht: So wie sich ein Text stets im Modus des „als-ob“ präsentiert, so befindet sich, mit Isabella Tardin Cardoso (Campinas) und Michel Chaouli (Bloomington), auch der Philologe in einem Verhältnis der Simulation zu seinem Gegenstand. Unter diesen Bedingungen gestaltet sich die Textlektüre immer wieder neu und präsentiert gerade nicht die stets absehbar ähnlichen oder gleichen Ergebnisse.

In diese Richtung zielen auch neuere Veröffentlichungen zum Thema. Glänzende Kenntnis der aktuellen Debatten verrät der von Luisa Banki und Michael Scheffel edierte Band „Lektüren. Positionen zeitgenössischer Philologie“ (Schriftenreihe Literaturwissenschaft, Bd. 94, Wissenschaftlicher Verlag Trier 2017). Der Band ist in drei Rubriken der Lektüre untergliedert: Methodologien, Epistemologien und Praxis. Leitend ist die Frage nach der Möglichkeit einer eigenen, genuin philologischen Erkenntnis, eines Wissens mithin, das nicht oder doch nicht primär im Dienste anderer Disziplinen steht. Das „Kerngeschäft“ der Philologie bleibt die Lektüre selbst und damit die „konkrete Auseinandersetzung mit Texten im Moment und im Medium der Lektüre“; hier knüpfen die Herausgeber vor allem an Szondi und Werner Hamacher an.

Hamacher hat auf die „Verlegenheit“ der Philologie in Bezug auf ihr eigenes Tun im Unterschied zu verwandten Verfahren der Literaturwissenschaft, besonders der Hermeneutik, aufmerksam gemacht. Für die Lektüre erweist sich eine „Doppelheit“ als kennzeichnend: auf der einen Seite ihre Materialität, wie sie etwa bei der Editionswissenschaft im Mittelpunkt steht, auf der anderen die „Sinnkonstitution durch Lektüre“; beide zusammen ergeben jedoch kein Ganzes, sondern verweisen auf ein Drittes: die Philologie. Wie aber kann man lesen, ohne die historischen und aktuellen Theorieangebote auszublenden? Und sollte man das überhaupt? Die Beiträger geben unterschiedliche, aber komplementäre Antworten.

Etwas Anarchisches

Im Methodenteil werden problematische Attribute in den Blick genommen, bei Marcel Lepper etwa „schwierige“ Texte. Die „Schwierigkeit“ beschreibt allerdings gar keine Eigenschaft von Texten, sondern dokumentiert sich im philologischen Zugriff auf diese. „Schwierig“ oder nicht: Immer bleibt beim Lesen „etwas übrig“ – dies zu erfassen ist Aufgabe der Philologie. In den „Epistemologien der Lektüre“ werden die vielfältigen Relationen der Philologie abgesichert: Sie bewegt sich souverän im Spannungsfeld von Rhetorik und Hermeneutik und erschließt ihre Erkenntnismöglichkeiten über eine „Komparatistik philologischer Formen“ (Christoph König). Ihr Wissen bezieht sie nicht zuletzt auch aus der Fixierung von Unzulänglichkeiten der Lektüre.

Als „Praxis der Lektüre“ macht Franziska Humphreys in ihrem Beitrag zu Freuds Traumdeutung drei Verfahren aus, die sie auf das Verhältnis von Lektüreerfahrung und deren Theoretisierbarkeit befragt: Deuten, Erraten und Übersetzen. Und doch bleibt etwas – hier als „anarchisch“ Bezeichnetes, das sich jedweder begrifflichen Erfassung verweigert. Nach den Konsequenzen, welche die Digitalisierung der Textwelten für die Technik des philologischen Lesens bereithält, fragen Marcus Willand und Denis Thouard. Auch Jenny Willner kommt in ihrer Studie zu Victor Klemperers „Notizbuch eines Philologen“ auf das fragile Verhältnis von Literatur und Wissenschaft zu sprechen: Sie formuliert die „Einsicht in die Unmöglichkeit einer philologischen Metasprache“.

Darüber kann man freilich streiten. Vielleicht gibt es sie ja doch? Und wenn nicht – ist sie entscheidend für den epistemischen Status der Philologie? Ist dieser Status selbst überhaupt von Bedeutung? Hierauf finden sich in verschiedenen philologischen Kulturen divergierende Antworten. Wenn Wissenschaft bedeutet, Texte ernsthaft zu lesen und zu beschreiben, dann ist Philologie eine, vielleicht die wichtigste Wissenschaft. Sie kann unsere Gewissheiten aufs heftigste erschüttern – welch verführerische Aussicht!

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