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Religiöse Bildung : Glaube in Zeiten der Krise

Weil der Mond keine Göttin mehr ist, kann man ihn bereisen. Bild: dpa

Es klingt paradox, aber unsere Experimentierfreude und unsere profane Rationalität haben dem Gottesglauben viel zu verdanken. Gedanken über die Bedeutung religiöser Bildung in unserer Zeit.

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          Welche Art Bildung wird von der Religion freigesetzt? Ist es das Wissen einer kauzigen Sonderwelt, das der Glaube an einen unsichtbaren Gott befördert? Oder führt die monotheistische These, der Eingottglaube, geradewegs in unser heutiges Kulturverständnis hinein? In der Tat, sieht man sich das Gewordensein des Selbstverständlichen näher an, so scheinen unsere Experimentierfreude, unsere Auffassung von profaner Rationalität  kulturgeschichtlich auf die monotheistische Überwindung des archaischen Vielgötterwesens angewiesen.

          Christian Geyer-Hindemith

          Redakteur im Feuilleton.

          Das klingt zunächst paradox. Hat etwa das Christentum nicht jahrhundertelang auf der Aufklärungs-Bremse gestanden? Ja, aber es hat auch dafür gesorgt, das mit dem Glauben an den einen Gott die Außenwelt ihren magischen Charakter, ihren vielgötterischen Schleier verlor und für einen säkularen Zugriff überhaupt erst geöffnet wurde. Erst als niemand mehr den Mond für eine Göttin hielt, konnte er bereist werden. Erst in einer entdämonisierten und entgötterten Natur hatte die Wissenschaft eine Chance. Dass sich das Christentum dann vielfach an diese seine eigene Prämisse nicht hielt, steht auf einem anderen Blatt. Entscheidend im Sinne einer absoluten Kulturschwelle ist sein Beitrag zur Profanisierung der äußeren Wirklichkeit, die vormals durch und durch von sichtbaren, sich ins Diesseits transzendierenden Göttern und Geistern bewohnt war.

          Der Philosoph Arnold Gehlen spricht in diesem Sinne vom Monotheismus als einer „intimen Voraussetzung“ der Naturwissenschaften. „Erst musste die Außenwelt magisch neutralisiert, von daseienden Göttern entleert sein, ehe sich auf dieses jetzt freigewordene Feld das rationale Erkennenwollen ohne innere Hemmungen werfen konnte“, heißt es in Gehlens Buch „Urmensch und Spätkultur“. „Das heilige Rind wird ein Tier wie jedes andere, der heilige Ganges ein kanalisierbarer Strom, der heilige Wald ein Gehölz.“ Auch wenn diesem rationalen Erkennenwollen durch die neue, nicht-archaische Religiosität noch manche Fessel geblieben ist, so hatte es mit dem Monotheismus des unsichtbaren, jenseitigen Gottes doch einen Durchbruch gegeben: „eine Heilsneutralisierung der Außenwelt, die ihrer Verwandlung in einen eigengesetzlichen Faktenbereich vorausgehen musste“. Das ist so gewiss sehr schematisch gezeichnet, aber im erkenntniskritischen Kern doch zutreffend und religionswissenschaftlich plausibilisierbar.

          Vorzüge des lebendigen Eingottglaubens

          Wobei sich das Verhältnis heute wieder umzukehren scheint, wie sich überprägnant in der Corona-Krise ablesen lässt. Nach dem Motto: die religiösen Bedürfnisse finden in einem weitgehend selbstsäkularisierten Christentum keinen Halt und suchen in der Wissenschaft unterzukommen. Eine Art Rückabwicklung der magischen Neutralisierung von Außenwelt findet statt, und damit ineins eine magische Rekontaminierung von Bildung. „Es ist, als hielte das religiöse Bedürfnis, das die Kirche nicht mehr zu befriedigen vermag, tastend nach einem anderen Aufenthaltsort Ausschau und fände denselben in derjenigen Religion, die längst zur wahren Religion unserer Zeit geworden ist: der Wissenschaft“, schreibt der Philosoph Giorgio Agamben diese Woche in der „Neuen Zürcher Zeitung“ und bietet eine Corona-Exegese der Wissenschaftsreligion an.

          Demnach bringe sie, wie jede Religion, auch Aberglauben und Angst hervor, wie dies typisch sei für Religionen in Zeiten der Krise, der widersprüchlichen, zwischen Häresie und Orthodoxie oszillierenden Meinungen und Vorschriften.

          Wie es scheint, kann die Freisetzung der Außenwelt in die profane Wissbegierde hinein nur durchgehalten werden, solange die Natur nicht von archaischen religiösen Begehrlichkeiten zurückerobert wird. Das heißt im Umkehrschluss: religiöse Bedürfnisse, die vom Monotheismus absorbiert werden, brauchen nicht in der Wissenschaft Unterschlupf zu suchen. Ein lebendiger Eingottglaube kann helfen, unseren säkularen Bildungsbegriff zu sichern. Das ist im Zweifel besser für alle Beteiligten, für Gläubige wie für Nichtgläubige.

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