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Interview zur Rechtschreibung : Beim Gendern geht es auch um Selbstdarstellung

Bild: Wikipedia/Coyote III

Wie geht es mit dem Gender-Stern weiter – und was richtet das Schreiben nach Gehör an? Peter Gallman vom Rechtschreib-Rat sorgt im Interview für Klärung.

          7 Min.

          Mehr als 20 Jahre nach der Rechtschreibreform – Sie waren einer der Reformer – wird plötzlich an vielen Stellen der Eindruck vermittelt, die Rechtschreibung lasse immer mehr nach. Ist das auch ihr Eindruck?

          Uwe Ebbinghaus

          Redakteur im Feuilleton.

          Peter Gallmann: Ich glaube, das Problem besteht darin, dass wir im Alltag heute mit immer mehr geschriebener Sprache konfrontiert werden, zugleich werden die Leute durch vielerlei Tätigkeiten immer mehr abgelenkt, sodass die Gefahr, einen Text nicht bis zum Ende optimieren zu können, groß ist. Was das mit der Rechtschreibreform zu tun hat, ist mir aber nicht ganz klar. Ich glaube, da besteht kein Zusammenhang.

          Sie haben an einem Gespräch zum Thema „Warum es nicht egal ist, wie wir schreiben“ teilgenommen, das gerade als Duden-Büchlein erschienen ist. Bei der Lektüre fällt auf, dass den Kindern für die nachlassende Rechtschreibsicherheit kaum eine Mitverantwortung gegeben wird, Fehler werden ausschließlich bei Eltern und Lehrern gesucht.

          Ja, zumal Kinder kein Interesse an einer Privatsprache haben, sie wollen eigentlich wie die Erwachsenen reden, lesen und schreiben. Also muss man ihnen genügend überzeugende Vorbilder geben, abstrakte, aber auch persönliche. Ich glaube, Kinder haben einen natürlichen Ehrgeiz, sich auch in sprachlichen Formalien zu entwickeln. Den muss man einfach nur fördern. Es ist uns Erwachsenen nicht egal, wie wir schreiben, aber es ist, zur Beruhigung, auch den Kindern nicht egal.

          Was bewirkt die zum Teil überbordende Nutzung digitaler Medien bei Kindern, in der sich wahrscheinlich auch ein bestimmtes Autonomiestreben zeigt?

          Peter Gallmann

          Das Problem besteht nicht darin, dass Kinder dadurch die Sprache verlernen würden. Die Probleme sind da eher andere. Man kann sogar sagen: Durch die Nutzung der digitalen Medien hat man noch nie so viel geschrieben wie heute. Heute schickt man sich auf Whatsapp und anderen Kanälen ständig schriftliche Meldungen zu. Früher hätten die Kinder nur mündlich kommuniziert. Es handelt sich bei den digitalen Medien um Texte, die sich nur an einen ganz kleinen Personenkreis wenden. Die Qualitätsfrage aber stellt sich vor allem bei Texten, die ein großes Publikum haben und in jeder Hinsicht überzeugend wirken sollen. Diese Unterschiede erkennen Kinder durchaus. Wenn man sie eine digitale oder papierene Schulzeitung schreiben lässt, bemühen sie sich um eine ganz andere Sprache als in den Kurzmitteilungen.

          Das sagen Sie auch in dem Duden-Gespräch: Kinder verfügen über verschiedene Register.

          Ja, die können das.

          Die Frage ist nur, ob sie sich in den Kurznachrichten nicht daran gewöhnen, die Standards zu senken.

          Ja, die Gefahr besteht immer, aber ich bin der Meinung, sie können damit umgehen.

          Sie sind nicht alarmiert wegen der intensiven Nutzung digitaler Medien?

          Nein, in dieser Hinsicht nicht.

          Online-Kommentar in einem sozialen Medium

          Haben die Lehrer die Lust an der Rechtschreibung verloren?

          Das kann sein, aber nicht vollständig, das glaube ich nicht. In den letzten zwanzig Jahren hat man der Schule ständig neue Aufgaben aufgebürdet. Lehrer sollen die halbe Erziehung nachholen, die im Elternhaus unterblieben ist. Dass dann für Rechtschreibung weniger Zeit zur Verfügung steht, ist gut möglich.

          An einigen Hochschulen wird schon gezielt Rechtschreibnachhilfe für Lehramtskandidaten angeboten, weil viele Probleme haben.

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