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Vorzeitige Tariferhöhungen : Bescherung am Jahresanfang

  • -Aktualisiert am

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Der Aufschwung kommt in den Geldbörsen an: Viele Beschäftigte können sich im Februar über vorzeitige Tariferhöhungen freuen. Auch für übertariflich bezahlte Mitarbeiter sind die Chancen auf eine Gehaltserhöhung ziemlich gut.

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          Weihnachten findet dieses Jahr im Februar statt. Zumindest für die Beschäftigten in der Metall- und Elektroindustrie, deren Arbeitgeber die für April ausgehandelte Lohnerhöhung zwei Monate vorziehen. Und das sind wegen der guten Konjunktur etwa in der Automobilindustrie einige. Der Hintergrund: Vor einem Jahr hatte die IG Metall mit den Arbeitgebern einen Krisentarifvertrag ausgehandelt. Für das Jahr 2010 sollte es nur Einmalzahlungen geben, 2011 sollten die Löhne dann im April um 2,7 Prozent steigen - und in Unternehmen, denen es gutgeht, schon zwei Monate früher.

          Julia Löhr

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          3,4 Millionen Menschen arbeiten in der Branche, davon sind 1,8 Millionen unmittelbar tarifgebunden; ihr Betrieb ist Mitglied im Arbeitgeberverband und zahlt nach Tarif. Hinzu kommen die Unternehmen, die sich zumindest am Tarifvertrag orientieren. Die IG Metall sagt, dass etwa 40 Prozent der tarifgebundenen Metaller von der vorgezogenen Gehaltserhöhung profitierten. Einen Betrieb mit 500 Mitarbeitern und durchschnittlichem Entgeltniveau kostet das 107.000 Euro, hat der Arbeitgeberverband Gesamtmetall ausgerechnet, plus Sozialabgaben. Ein Durchschnittsmetaller verdient dieses Jahr dadurch brutto 180 Euro mehr.

          Doch nicht nur den Metallern stehen bessere Zeiten bevor. In der Krise haben Kurzarbeit und gestrichene Sonderzahlungen Spuren in den Portemonnaies hinterlassen, nun aber stehen die Zeichen auf Aufschwung. Die Gewerkschaften laufen sich warm für kräftige Lohnsteigerungen: Die Chemiegewerkschaft fordert 6 bis 7 Prozent mehr Geld, Verdi will für den öffentlichen Dienst 5 Prozent herausschlagen, und die Bauarbeiter sollen knapp 6 Prozent mehr bekommen.

          Die Gewerkschaften werden Zusatzwünsche anmelden

          „Die Rahmenbedingungen für die Gewerkschaften sind besser“, sagt Reinhard Bispinck, der das Tarifarchiv der gewerkschaftsnahen Hans-Böckler-Stiftung leitet. Im ersten Halbjahr 2010 hätte es in den Tarifrunden noch Krisenabschlüsse gegeben, in denen es vor allem um die Sicherung von Arbeitsplätzen ging. Dass die Stahlarbeiter im Herbst 3,6 Prozent mehr Geld aushandelten, war für Bispinck dann das Signal zur Wende. Am oberen Rand lägen derzeit die Forderungen für die Chemie und für Volkswagen. „Die Gewerkschaften werden Wert auf dauerhafte Lohnsteigerungen legen“, sagt Bispinck, Einmahlzahlungen würden an Bedeutung verlieren. Bei den Gewerkschaften sind einmalige Wohltaten unbeliebt, denn danach fallen die Beschäftigten auf ihr normales Jahresgehalt zurück. „Die Lücke holen sie nie wieder auf“, sagt Bispinck.

          Auch in diesem Jahr werden die Gewerkschaften Zusatzwünsche anmelden, etwa strengere Regeln für die Zeitarbeit oder bessere Übernahmechancen für Auszubildende. Bei letzterem haben sie einen mächtigen Verbündeten - den Fachkräftemangel. Das Argument: Gut ausgebildete Mitarbeiter werden knapp, deshalb müssen die Firmen sie erstens besser bezahlen und zweitens mehr Geld in die Nachwuchssicherung stecken. Ob die Gewerkschaften dadurch aber wirklich in eine substantiell bessere Verhandlungsposition kommen, ist umstritten. Der Tarifexperte Bispinck ist skeptisch, denn bei der Tarifbindung gebe es noch keine Trendwende, und auch der Niedriglohnsektor wachse. Aber: „In einigen Regionen und Branchen sehe ich das schon. In Ostdeutschland etwa ist mit den Händen greifbar, dass die Abwanderung von jungen Leuten ein Entwicklungshemmnis ist.“

          Dort werben die ersten Regierungen mit den Gewerkschaften für den Flächentarifvertrag und höhere Löhne, um die Leute im Land zu halten. Die schlechtere Bezahlung, heißt es, werde zur Wachstumsbremse. Doch nicht jeder teilt diese Einschätzung. Heinrich von Nathusius etwa hält gar nichts davon. Der Unternehmer, dem die Ifa-Rotorion-Gruppe gehört, ein Automobilzulieferer aus Haldensleben in Sachsen-Anhalt mit rund 1300 Beschäftigten, findet den Ruf nach höheren Löhnen für Ostdeutschland falsch, „und zwar nicht aus fehlendem Sinn für Gerechtigkeit oder einer neokapitalistischen Einstellung heraus, sondern aus Angst um die Arbeitsplätze“.

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