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Vergütung : Hungerlohn für Hakenhalter

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Der Streit ist nicht neu, aber er gewinnt an Brisanz: Wie viel sollen PJler verdienen? Bild: Dieter Rüchel / F.A.Z.

Zwar ist der Streit über die Entlohnung angehender Ärzte im „Praktischen Jahr“ kein neuer Konflikt. Doch es sieht so aus als könnte die Bezahlung der PJler künftig steigen: Die Bundesärztekammer hält eine Vergütung in Höhe eines Referendariatsgehalts für angemessen.

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          Wenn Simon Diestelmeier, Medizinstudent im elften Semester an der Uni Mainz, sich abends auf den Heimweg macht, dann hat er vielen Patienten Blut abgenommen, Zugänge zu Venen gelegt, für Ärzte Röntgenbilder herausgesucht und im OP-Saal assistiert. Der Sechsundzwanzigjährige ist seit sieben Wochen im „Praktischen Jahr“, kurz PJ. Medizinstudenten absolvieren ihr PJ im elften und zwölften Semester, es soll ihrer praktischen Ausbildung dienen. Diestelmeier leistet die ersten vier Monate, das sogenannte erste Tertial, in der Chirurgie der Universitätsmedizin Mainz ab. Als Gegenleistung hat das Uniklinikum ihm 320 Euro auf seine Kasinokarte gutgeschrieben.

          Viele Kommilitonen von Diestelmeier bekommen mehr. Sie arbeiten in Kliniken der Region, denen die Uni den Status „Lehrkrankenhaus“ verliehen hat. Wer etwa in der „Hunsrück-Klinik“ in Simmern sein PJ macht, bekommt ein mietfreies Appartement, unentgeltliche Verpflegung, Büchergutscheine im Wert von 150 Euro je Tertial und eine Vergütung für Bereitschaftsdienste in Höhe von zehn Euro je Stunde. Das Marienhaus Klinikum Neuwied, ein anderes Lehrkrankenhaus, zahlt den PJlern monatlich 325 Euro in bar. Allerdings werden solche Vergünstigungen bald der Vergangenheit angehören: Ab 2010 dürfen die Lehrkrankenhäuser der Uni Mainz ihre PJler höchstens noch mit 1000 Euro im Tertial in Form indirekter Zuwendungen - etwa Mietkostenzuschüsse oder Essensgutscheine - entschädigen.

          Konflikt zwischen Studenten und Hochschulleitung

          Als die Neuregelung mitten in den Sommersemesterferien bekannt wurde, kam es in Mainz zu einem handfesten Konflikt zwischen Studenten und Hochschulleitung - es ist nicht der erste rund um das PJ. „Die Universitäten üben Druck auf die Lehrkrankenhäuser aus, um eine Deckelung der Entschädigungen zu erreichen“, sagt Hans-Jörg Freese vom Marburger Bund, der die Interessen der Ärzte vertritt. Nur so könnten die Hochschulen verhindern, dass PJler sich für besser entlohnte Stellen entscheiden. Die Studenten sind begehrt, weil sie das Klinikpersonal entlasten; außerdem hoffen die Kliniken angesichts des Ärztemangels, dass die PJler ein halbes Jahr später mit bestandenem Examen als Assistenzärzte zurückkehren. „Ein Krankenhaus im tiefsten Hunsrück etwa ist nicht gerade die erste Wahl für Studenten“, sagt Simon Diestelmeier. „Wenn man aber erst mal sein PJ dort verbracht hat, möchte man vielleicht doch zurückkommen, weil man die Verhältnisse kennt und die Kollegen nett findet.“

          Mehrere Unikliniken, etwa die Universitätsmedizin in Göttingen und die Medizinische Hochschule in Hannover, haben sich dem Druck der angehenden Ärzte schon gebeugt: PJler erhalten dort 400 Euro im Monat. Außerdem vereinbarte der Marburger Bund in seinem Tarifvertrag mit der Berliner Helios-Klinikkette, dass PJler 600 Euro im Monat erhalten. Ab Juli 2010 werden es 700 Euro sein. Langfristig sollen die Entschädigungen weiter steigen. Auch die Bundesärztekammer hält eine Vergütung in Höhe eines Referendariatsgehalts für angemessen. Zwar haben die angehenden Ärzte, anders als Juristen und Lehrer, noch keine Examensprüfung bestanden. Die Approbation ist ihnen aber so gut wie sicher: Das sogenannte „Hammerexamen“ nach dem PJ besteht weniger als ein Prozent von ihnen endgültig nicht.

          Der Streit über die finanzielle Entlohnung lässt derweil eine andere Diskussion in den Hintergrund rücken: Seit Jahren kritisieren Studenten, das PJ trage nur wenig zu ihrer Ausbildung bei. Stattdessen müssten sie Hilfsdienste wie Blutabnahmen und Hakenhalten im Operationssaal übernehmen. Eine Umfrage der Ruhr-Universität Bochum ergab jüngst, dass das PJ für den Arztberuf demotiviert. Auf die Frage „Hat sich die Einstellung zur Berufswahl verändert?“ antworteten von allen befragten Medizinstudenten 33 Prozent mit „ja - negativ“. Unter den befragten PJlern antworteten allerdings 49 Prozent mit „ja - negativ“. Christina Hucklenbroich

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