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Umstrittener Fachkräftemangel : Der Preis für Ingenieure steigt

Gehaltsentwicklung der Jahre 2006 bis 2011: Für Ingenieure ist deutlich mehr drin. Bild: F.A.Z.-Grafik: Heumann

Forscher und Verbände sind geteilter Meinung, ob es tatsächlich einen Ingenieurmangel gibt. Fakt ist: Die Gehälter haben zuletzt spürbar angezogen. Denn auch außerhalb der Industrie nimmt die Nachfrage zu.

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          Das Jawort von Hans Guillot ist Millionen wert. Hebt er den Daumen, dann können große Bauprojekte oder schon gebaute Komplexe versichert werden. Den Großteil seiner Arbeit verrichtet der Verfahrenstechniker von seinem Schreibtisch in Hannover aus. Der Kolumbianer mit deutschsprachiger Mutter wühlt sich dann durch Berechnungen und Baupläne, spricht mit Experten verschiedener Fachrichtungen über offene und versteckte Risiken. Manchmal führt ihn die Arbeit auch vor Ort, so wie in Chiles Hauptstadt Santiago, als er in den Schacht der im Bau befindlichen Metro hinabstieg. „Ein aufregendes Erlebnis“, schwärmt er.

          Sven Astheimer

          Verantwortlicher Redakteur für die Unternehmensberichterstattung.

          Guillot arbeitet als „Underwriter“ für die Hannover Rück, die drittgrößte Rückversicherung der Welt. Seine Arbeit besteht darin, Risiken abzuwägen und zu bewerten. Von seinem Urteil hängt ab, ob sich die Versicherung an dem Projekt beteiligt oder nicht. In mehr als der Hälfte der Fälle fällt das Urteil dabei negativ aus, sagt Guillots Kollege Wolfgang Schubert.

          Der Sicherheitsingenieur für Brand- und Explosionsschutz erzählt von einer Raffinerie in der Karibik, für die er gerade eine negative Empfehlung abgegeben hat. Die Hurricangefahr ist seiner Einschätzung nach zu groß, sagt der Mittvierziger, der sich mit seinem Team vor allem um Energieprojekte kümmert.

          Auch die Dienstleistungsbranchen brauchen Ingenieure

          Guillot und Schubert gehören zu rund einem Dutzend Ingenieuren in Diensten der Rückversicherung. Die Gruppe wächst schnell, weil das Unternehmen expandiert. „Wir sind zunehmend auf die Einschätzung von Ingenieuren angewiesen“, sagt Personalmanager Frank Bergemann. Ob diese Arbeit auch von Nichtingenieuren erledigt werden könnte? Bergemann schüttelt rasch den Kopf. Undenkbar. Diese Aufgabe könnten nur hochqualifizierte Technikexperten, am besten mit Berufserfahrung, wahrnehmen.

          Die Spezialisten der Hannover Rück gehören zu der großen Gruppe der Ingenieure, die außerhalb der Industrie arbeiten. Viele Dienstleistungsbranchen sind ohne die Technikspezialisten nicht denkbar, man nehme nur den TÜV als Beispiel. Auch der Lehrkörper an den Universitäten für Ingenieurswissenschaften kann schlechterdings mit Fachfremden bestückt werden.

          „Die Hochschulabgänger decken den Bedarf“, sagt das DIW

          Nicht zuletzt um diese Ingenieure, die außerhalb ihres eigentlichen Berufes arbeiten, dreht sich derzeit ein akademischer Streit. Karl Brenke, ein Wissenschaftler des Deutschen Instituts für Wirtschaftsforschung (DIW), erregt mit der These Aufmerksamkeit, dass der befürchtete Ingenieurmangel eine Erfindung sei.

          Brenke geht von knapp 580 000 Ingenieuren aus, die industrienah beschäftigt sind. Stellt man den erwarteten Austritten aus dem Arbeitsmarkt dieser Gruppe die Zugänge von den Hochschulen gegenüber, fällt Brenkes Fazit eindeutig aus: „Die Hochschulabgänger decken den Bedarf.“ Von einem Mangel könne keine Rede sein. Vielmehr könne es sogar zu einer Absolventenschwemme kommen, da die Zahl der Studienanfänger zuletzt auf Rekordniveau gestiegen sei.

          Das IW rechnet mit einem doppelt so hohen Ersatzbedarf

          Das Institut der Deutschen Wirtschaft (IW) widerspricht Brenkes Thesen und wirft ihm gravierende methodische Fehler vor, weil er in seinen Betrachtungen wichtige Gruppen ausblende. Neben den angestellten Ingenieuren außerhalb des sogenannten Zielberufes ist das vor allem die große Gruppe der Selbständigen. Insgesamt kommt das Institut somit auf rund 1,6 Millionen Ingenieure und einen jährlichen Ersatzbedarf, der mit 40 000 doppelt so hoch liegt wie der von Brenke errechnete.

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