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Soziale Netzwerke : Um den Job gebloggt

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Früher lästerten Mitarbeiter in der Kantine über den Chef, heute im Internet. Mit der Vertraulichkeit ist es da oft vorbei. Die Folgen können schwerwiegend sein: Es droht die fristlose Kündigung.

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          Die Meinungsfreiheit ist zwar ein hohes Gut, aber in der Berufswelt meist davon abhängig, wie strapazierfähig die Geduld des Arbeitgebers ist. Das musste etwa Kellner Timothy erfahren, der in der California Pizza Kitchen arbeitete - bis er sich mit derben Worten öffentlich über die neue Arbeitskleidung lustig machte: „Schwarze hochgeschlossene Hemden sind der langweiligste Scheiß überhaupt“, twitterte der Amerikaner launig im Internet, nichtsahnend, dass sein Arbeitgeber alles daransetzen würde, um herauszufinden, wer die anstößige Kurzmitteilung verfasst hatte. Am folgenden Montag bat ihn seine Chefin ins Büro, sprach ihn auf seine offenherzigen Kommentare an und legte ihm wenig später die fristlose Kündigung auf den Tisch.

          Corinna Budras

          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          Kurz und knackig sind Mitteilungen im Internet heutzutage oft - und ähnlich kurz und knackig können in den Vereinigten Staaten auch die Konsequenzen für Arbeitnehmer sein, wenn sie allzu frei von der Leber weg über ihren Arbeitsalltag plaudern. Im Internet kursieren ganze Ranglisten mit den skurrilsten Internetäußerungen, die ihre Verfasser schon den Job gekostet haben: eine CNN-Journalistin, die sich bedauernd über den Tod eines libanesischen Geistlichen äußerte, eine Angestellte einer gemeinnützigen Organisation, die in ihrer freien Zeit ein Sex-Blog unterhielt. „Wir können einfach nicht riskieren, dass unsere Mission mit den Fotos und Materialien in Verbindung gebracht wird, die Sie offen mit der Internetgemeinschaft teilen“, erläuterte ihr Chef in der Kündigung und fügte dann versöhnlich hinzu: „Obwohl ich weiß, dass Sie eine gute Arbeitnehmerin und eine intelligente Person sind, hoffe ich, dass Sie versuchen zu verstehen, dass unsere Mitarbeiter einen anderen Standard erfüllen müssen.“

          Mit der Vertraulichkeit des Augenblicks ist es vorbei

          Lästereien über Chefs, anstößige Freizeitaktivitäten oder das Ausplaudern von Firmeninterna auf privaten Parties hat es schon immer gegeben, ebenso wie die schnelle Retourkutsche vom Chef. Doch wurde zumindest vor deutschen Arbeitsgerichten bei solchen offenherzigen Kommentaren im Kollegenkreis oft nicht nur die Meinungsfreiheit, sondern auch die vertrauliche Atmosphäre als ausschlaggebende Argumente für den Arbeitnehmer angeführt. Doch in Zeiten des Internets ist es vorbei mit der Vertraulichkeit des Augenblicks. Aus dem flüchtigen Wort sind Erklärungen mit Ewigkeitscharakter geworden - vor einer schier unüberschaubaren Zahl von Zuschauern. Kein Wunder, dass sich so manches Mal auch der Arbeitgeber darunter mischt.

          Die Teilnahme an sozialen Netzwerken wie Xing, Facebook oder StudiVZ, das persönliche Internettagebuch oder die rastlose Verkündung persönlicher Befindlichkeiten auf der Mitteilungsplattform Twitter sind inzwischen genauso verbreitet wie die Mitgliedschaft im heimischen Fußballclub oder im Ruderverein. Durch die breite Öffentlichkeit sind besonders die amerikanischen Unternehmen schon dazu übergegangen, für ihre Mitarbeiter verbindliche Verhaltensregeln zum Umgang mit den sozialen Netzwerken aufzustellen. In seinem Verhaltenskodex verbietet das amerikanische Computerunternehmen HP etwa seinen Mitarbeitern ausdrücklich Kommentare über Themen wie Geschäftszahlen, geistiges Eigentum, Handelsgeheimnisse, Wechsel im Management, Gerichtsverfahren, Entlassungen, Vertragsvereinbarungen mit Geschäftspartnern, Kunden, Lieferanten sowie Angelegenheiten, die die Aktionäre betreffen. Allerdings setzt HP nicht auf reine Verbote, sondern appelliert an das Verantwortungsbewusstsein seiner Mitarbeiter: „Wir werden die Blogeinträgen fair beurteilen und Ihnen in einer respektvollen Art und Weise begegnen - und wir erwarten das Gleiche von Ihnen“, heißt es in den Verhaltensregeln. Damit liegt HP auf der Linie der Beraterschar, die Unternehmen ans Herz legen, doch keine Richtlinien aufzustellen, sondern lieber eine Social-Media-Politik zu fahren, die von den Mitarbeitern auch „gefühlt“ wird.

          Social-Media-Politik steckt in Deutschland noch in den Anfängen

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