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Medizinrecht : „Jede zweite Klage gegen Ärzte hat Erfolg“

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Wie hoch sollte ein Arzt mit diesem Fachgebiet versichert sein?

Im Fall von geburtsgeschädigten Kindern kann die Haftung mehrere Millionen Euro erreichen. Ein Gynäkologe, der nicht eine Deckungssumme von 5 Millionen Euro hat, ist unterversichert. Noch gravierender für die Ärzte ist das sogenannte Spätschadenrisiko: Der Patient kommt vielleicht erst nach 29 Jahren auf die Idee, dass seine Krankheit durch einen Kunstfehler verursacht wurde. Dann existiert seine Krankenakte oft schon gar nicht mehr.

Fällt es Patienten dann nicht schwerer, ihre Ansprüche zu beweisen?

Der Patient kommt dann vielleicht auf die Idee, Zeugen zu benennen. Die müssen sich dann erinnern, wie eine Behandlung verlief, die Jahre her ist. Als Arzt fällt eine Erwiderung auf solche Aussagen sehr schwer. Wenn es die nötigen Unterlagen gibt, können auch die Sachverständigen ihre Arbeit besser tun. Außerdem muss der Arzt beweisen, dass er den Patienten aufgeklärt hat. Eine vernünftige Dokumentation ist wirklich unverzichtbar.

Es heißt immer, Patienten hätten vor Gericht kaum Chancen. Stimmt das?

Nicht mehr. Früher war es für die Patienten wirklich schwer, ihre Rechte durchzusetzen. Und richtig ist auch, dass strafrechtliche Ermittlungsverfahren gegen Ärzte kaum Chancen haben, es gibt so gut wie keine Verurteilungen. Mit der Zeit haben aber die Zivilgerichte festgestellt, dass sie das Herrschaftswissen des Arztes gegenüber dem Patienten ausgleichen müssen. Sie haben dann eine gewisse Waffengleichheit der Parteien hergestellt.

Und wie sieht die aus?

Es gibt Situationen, in denen sich die Beweislast umgekehrt, wo also der Arzt sich selbst entlasten muss: Zum Beispiel bei groben Behandlungsfehlern, bei Organisationsfehlern im Krankenhaus oder in der Arztpraxis oder wenn das Risiko einer Behandlung eigentlich voll beherrschbar war.

Kann man die Erfolgsquote der Kläger beziffern?

Im Bereich der Krankenhaushaftung geht etwa jeder dritte Fall zugunsten der Patienten aus. Bei Klagen gegen niedergelassene Ärzte liegt die Erfolgsquote sogar knapp unter 50 Prozent.

Und wie viel fließt an Schmerzensgeld oder Schadensersatz?

Die Erfolgsquote sagt in der Tat nicht viel darüber aus, wie hoch die Entschädigung ausfällt. Die Schmerzensgelder dürften sich in den letzten Jahren verdoppelt haben, sie werden jedenfalls immer höher. In Geburtsfällen werden beispielsweise 500 000 Euro gezahlt, dazu kommen Schmerzensgeldrenten. Auch die Summe der Schadensersatzleistungen wächst.

Woran liegt das?

Die Versicherer vermuten, dass die kürzeren Behandlungszeiten und die sinkenden Bettenzahlen eine Rolle spielen. Außerdem machen Patienten, die auf Schadensersatz klagen, häufiger einen entgangenen Gewinn oder eine entgangene Haushaltsführung geltend. Und ein weiterer Grund ist, dass die Krankenkassen und Rententräger, die den Geschädigten unterstützen, inzwischen Rückgriffsansprüche gegen die Ärzte geltend machen.

Würden Sie Nachwuchsjuristen empfehlen, sich auf Medizinrecht zu spezialisieren?

Das Rechtsgebiet hat sicher noch Wachstumspotential. Allerdings ist der Markt schon recht fest verteilt. Anfänger kommen nicht so leicht an die Mandate von Versicherungen oder Ärzten heran, eher an die Patienten. Dazu kommen fachliche Hürden: Das rechtliche Wissen kann man sich einigermaßen schnell aneignen, aber man versteht erst mit den Jahren die medizinische Seite der Fälle.

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