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Kuriose Kündigungsgründe : „Mein Chef ist eine Krücke“

Petitessen im Fokus: Auch Maultaschen im Wert von 4 Euro können den Job kosten. Bild: dpa

Darf man seinen Chef beleidigen? Oder die Kunden? Und gibt es am Arbeitsplatz eine Deopflicht? Was für eine Kündigung reicht und was in der Vergangenheit die skurrilsten Fälle waren.

          5 Min.

          Beschimpfungen des Chefs

          Es dürfte wohl der Deutschen beliebtestes Schimpfwort sein: Die Bezeichnung „Arschloch“ stand schon vielfach im Zentrum von gerichtlichen Auseinandersetzungen. Allerdings scheint sie inzwischen so weit etabliert zu sein, dass sie allenfalls noch zu einer Abmahnung taugt. Das Arbeitsgericht Berlin sah jedenfalls weder Grund für eine normale noch für eine fristlose Kündigung - zumindest dann nicht, wenn dieser „an der Zuspitzung der mentalen Belastungslage“ beteiligt, die Auslöser für den Wutausbruch des Mitarbeiters ist. Zum Beispiel durch ausstehende Lohnzahlungen.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Ohnehin wird in Kündigungsschutzprozessen auch immer berücksichtigt, um welche Art von Betrieb es sich handelt und welcher Umgangston unter den Mitarbeitern herrscht. Deshalb führt auch die Bezeichnung des Vorgesetzten als „Krücke“ durch eine Reinigungskraft nicht unbedingt zur Entlassung, wie das Arbeitsgericht Leipzig fand.

          Wesentlich leichter zu beurteilen sind dagegen Situationen, in denen ein Angestellter seinem Vorgesetzten ein „beschissenes Wochenende“ wünscht oder von diesem behauptet, er habe „doch nur Bumsen im Kopf“. Hier fällt das Urteil der Landesarbeitsgerichte deutlich aus: Dies Kollegen müssen gehen.

          Beleidigungen von Kunden

          Der Chef muss sich mitunter Kraftausdrücke gefallen lassen, doch für Kunden gilt das noch lange nicht. Das lernte eine fränkische Schmuckverkäuferin, der gekündigt wurde, nachdem sie einer Kundin drohte, „ihr eine aufs Maul zu hauen“, wenn sie nicht den Laden verließe. Dafür zeigte das Arbeitsgericht Nürnberg wenig Verständnis. Statt der Kundin musste die Verkäuferin den Laden verlassen - und zwar dauerhaft. Die gleiche Konsequenz traf einen Bochumer Busfahrer, der kurz vor Dienstschluss ausrastete, als sich ein Fahrgast nach dem Grund der Busverspätung erkundigte. Er rammte ihm die Tür der Fahrerkabine in den Oberschenkel und drohte ihm Schläge an - und das, obwohl er kurz zuvor an einer Schulung zum Thema Kundenkommunikation und Rollenverständnis als Dienstleister teilgenommen hatte.

          Kleine Sünden . . .

          Dagegen verlor eine Altenpflegerin zwar ihren Job, weil sie mehrere Maultaschen hat mitgehen lassen. Doch sie erhielt eine Abfindung und eine Gehaltsnachzahlung in Höhe von 42 500 Euro. Dabei musste allerdings das Landesarbeitsgericht Baden-Württemberg etwas nachhelfen. Die Richter ließen in der Gerichtsverhandlung durchblicken, dass dem Arbeitgeber durch den Diebstahl kein messbarer Schaden entstanden sei. Die damals 58 Jahre alte Frau hatte heimlich sechs Maultaschen mit einem materiellen Wert von höchstens 4 Euro entwendet, die ursprünglich für das Mittagessen der Heimbewohner bestimmt waren. Die Klägerin machte geltend, die Maultaschen wären ohnehin weggeworfen worden. Der Arbeitgeber pochte dagegen erfolglos darauf, dass es verboten ist, Reste der Bewohnerverpflegung an sich zu nehmen.

          Für noch größeres Aufsehen als die Maultaschen-Affäre sorgte allerdings der Fall der Kassierin „Emmely“ vor mehr als drei Jahren. Ihr war fristlos gekündigt worden, nachdem sie zwei Getränkebons im Wert von zusammen 1,30 Euro unterschlagen hatte. Dabei hatte auch eine Rolle gespielt, dass die 52 Jahre alte Berlinerin die Tat beharrlich leugnete und zudem Kollegen beschuldigte, ihr die Getränkebons untergeschoben zu haben. Anlässlich dieses Falles stellte das Bundesarbeitsgericht klar: In solchen Fällen muss grundsätzlich erst einmal eine Abmahnung ergehen, bevor gekündigt werden kann. Jedenfalls wenn der Arbeitnehmer schon lange im Betrieb gewesen ist und sich vorher nichts zuschulden hat kommen lassen.

          Ähnlich glimpflich ging das Kündigungsschutzverfahren für einen Arbeitnehmer aus, der seine Elektrogeräte am Stromnetz des Arbeitgebers aufgeladen hatte. Der Computerfachmann hatte seinen Elektroroller im Betrieb eingesteckt. Dem Unternehmen waren dadurch zusätzliche Stromkosten von 1,8 Cent entstanden - zu wenig für eine ordentliche Kündigung. Deshalb hätte eine Abmahnung in dem Fall ausgereicht, urteilten die Richter auch dort.

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