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Idealistische Denunzianten : Wer redet, verliert

  • -Aktualisiert am

Vorsicht: Weitersagen will gut vorbereitet sein Bild: fotolia.com

„Whistleblower“ heißen Mitarbeiter, die Missstände im Büro anprangern. Rechtlich ist das heikel. Viele Unternehmen haben erst gar keine diskrete Anlaufstelle für Kritik. Anonyme Hotlines sollen die Lösung sein.

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          Alle Freunde der deutschen Sprache seien an dieser Stelle gewarnt: Die folgenden Zeilen werden ihnen keine Freude machen. Ohne Anglizismen lässt sich nicht berichten über das Phänomen der idealistischen Denunzianten - über "Whistleblower". So nennt man im angelsächsischen Raum Personen, die in ihrem beruflichen Umfeld Missstände oder Rechtsverstöße aufdecken: Korruption, Betrügereien, Steuerhinterziehung, Bilanzfälschung oder Vetternwirtschaft. Sie melden diese Fehlentwicklungen ihren Vorgesetzten, den Behörden oder den Medien.

          Hinweise von Whistleblowern machten den Bilanzskandal bei Enron publik, die Insider-Geschäfte von Gewerkschaftsfunktionär Steinkühler und auch die Korruptionsaffären bei Siemens, EADS und Ikea. Fast alle Whistleblower kostet der Schritt ihren Arbeitsplatz. Es fehlt nicht nur an einem treffenden deutschen Wort für die "Verpfeifer", auch rechtlich stehen sie auf verlorenem Posten.

          Viele Firmen ohne diskrete Anlaufstelle

          Viele Unternehmen haben erst gar keine professionelle und diskrete Anlaufstelle für ihre Kritik. Zwar müssen seit dem Jahr 2002 Unternehmen, die in den Vereinigten Staaten börsennotiert sind, ein System schaffen, über das Mitarbeiter Rechtsverstöße melden können. Viele international tätige Unternehmen haben dafür Telefonleitungen eingerichtet und verpflichten die Mitarbeiter in ihren internen Richtlinien dazu, Verstöße zu melden - auch moralische Verstöße, zum Beispiel Liebschaften zwischen Kollegen.

          In Deutschland seien sogenannte "Integrity Hotlines" eine seltene Erscheinung, sagt Michael Tepass, Arbeitsrechtler bei der Anwaltskanzlei Linklaters in Frankfurt. "Nur in international aktiven, börsennotierten Großkonzernen sind sie verbreitet." Die hätten es aber schwer mit der Umsetzung, denn innerhalb der Europäischen Union stellten die Datenschützer in jedem Land andere Anforderungen. Die EU-Datenschützer haben 2006 eine Stellungnahme dazu abgegeben, wie Whistleblowing-Hotlines zu behandeln sind. "Das Papier ist zwar rechtlich nicht verbindlich, aber die Behörden nutzen es, um die europäischen Datenschutzvorschriften zu interpretieren", sagt Tepass.

          Gegen Missstände oder für Denunzianten?

          Europäer und Amerikaner gingen völlig unterschiedlich an dieses Thema heran: "Die Amerikaner wollen mit den Hotlines Missstände aufdecken, die Europäer sehen sie als Anreiz für böswillige Denunzianten." Für Arbeitgeber ist die Situation vertrackt: Ohne Meldesystem verstoßen sie gegen amerikanisches Recht. Mit Meldesystem verstoßen sie gegen deutsche Datenschutzregeln. Denn Anknüpfungspunkte für die Datenschützer gibt es genug. Bei jedem Anruf über den heißen Draht gibt der Whistleblower personenbezogene Daten weiter - seine eigenen und die der Übeltäter. Ohne deren Zustimmung dürfen diese Daten aber grundsätzlich weder erhoben noch gespeichert oder übertragen werden - vor allem nicht in die Vereinigten Staaten. Viele Unternehmen entscheiden sich daher gegen Telefonleitungen und für externe Ombudsleute. Volkswagen, O2, BASF oder Vattenfall setzen Anwälte als Vertrauensleute ein.

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