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„Flashmobs“ im Arbeitskampf : Kurz, aber schmerzhaft

  • -Aktualisiert am

„Flashmob”-Aktivisten protestieren bei Adidas in Berlin Bild: dpa

Telefonterror und ein Stau von Einkaufswagen: Mit „Flashmobs“ haben Gewerkschaften ein neues Kampfmittel für Tarifkonflikte entdeckt. Die Gerichte wissen nicht so recht, was davon zu halten ist.

          4 Min.

          Es begann als Happening. Menschen, die sich nicht kannten, verabredeten sich über das Internet und trafen sich an öffentlichen Orten für eine möglichst Aufsehen erregende und meistens sinnfreie Kurzdemonstration. Mal klatschten die Teilnehmer alle gleichzeitig in die Hände, mal beschossen sie sich mit Wasserpistolen, mal legten sie sich zu einem Nickerchen auf den Boden, mal veranstalteten sie eine kurze Kissenschlacht.

          "Flashmobs" heißt diese Art von Guerrilla-Straßentheater. In Deutschland ist dieser "Blitzpöbel" auch angekommen. Aber hierzulande hat die Performance nun noch eine weitere Bedeutung angenommen - als Arbeitskampfmittel. So geschah es zum Beispiel im jüngsten Tarifkonflikt im Einzelhandel. Der Berliner Landesbezirk der Gewerkschaft Verdi rief zu Flashmobs auf und legte damit mehrere Geschäfte lahm. "Hast du Lust, dich an Flashmob-Aktionen zu beteiligen?", hieß es in einem Verdi-Flugblatt vom Dezember 2007. "Gib uns deine Handy-Nummer und dann lass uns zu dem per SMS gesendeten Zeitpunkt zusammen in einer bestreikten Filiale, in der Streikbrecher arbeiten, gezielt einkaufen gehen."

          Viele Menschen zur gleichen Zeit

          Vorschläge für wirksame Aktionen lieferten die Initiatoren gleich mit: "Viele Menschen kaufen zur gleichen Zeit einen Pfennigartikel und blockieren damit für längere Zeit den Kassenbereich." Oder: "Viele Menschen packen zur gleichen Zeit ihre Einkaufswagen voll - bitte keine Frischware!!! - und lassen sie dann stehen." Auch über die Internetseite www.dichtmachen.de wurde zu Flashmobs aufgerufen.

          Form und Inhalt müssen nicht zueinander passen. Es ging um sichere Arbeitsplätze, Organisationsfreiheit und Standortverlagerungen der Zulieferer
          Form und Inhalt müssen nicht zueinander passen. Es ging um sichere Arbeitsplätze, Organisationsfreiheit und Standortverlagerungen der Zulieferer : Bild: dpa

          Der Vorteil für die Gewerkschaft liegt auf der Hand: Streiks können zäh sein, vor allem im Einzelhandel. Zeitarbeitsfirmen liefern den Arbeitgebern auch auf die Schnelle ein paar Streikbrecher, so dass die Wirkung der Auszeit verpufft. Und Flashmobs sind einfach auch unterhaltsamer, als nur dem Arbeitsplatz fernzubleiben, oder als mit dem Banner und der Trillerpfeife auf der Straße herumzustehen. Gerichtsentscheidungen gibt es zu dem Modell noch wenige. Und die Juristen sind sich auch noch nicht so recht einig, was sie von den Protestaktionen halten sollten.

          In Berlin funktionierte das Modell jedenfalls: Etwa 50 Aktivisten folgten dem Aufruf von Verdi in den Rewe-Markt am Ostbahnhof. Dort packten sie ihre Einkaufswagen randvoll mit Kleinkram, ließen sie dann in den Gängen herumstehen oder sorgten an der Kasse für lange Schlangen.

          Im Fall der Supermarktkette Reichelt klappte es auch: Über die Internetseite www.dichtmachen.org hatte Verdi seine Mitglieder und Unterstützer unter anderem dazu aufgerufen, die Leiter einer Reichelt-Filiale in Wilmersdorf per Telefon "auf Trab zu halten": Sie sollten massenhaft in der Filiale anrufen - die Nummer wurde mitgeliefert -, und sich zu Sonderangeboten erkundigen, die Reichelt derzeit im Programm hatte. Zum Beispiel nach der "Frischen Dorade Royal, grillfertig mit Rosmarin, Salbei und Melisse mariniert".

          www.dichtmachen musste dichtmachen

          Der Handelsverband Berlin-Brandenburg wehrte sich, und das mit unterschiedlichem Erfolg. Im Fall Reichelt untersagte das Arbeitsgericht Berlin Verdi die Blockadeaktionen, und auch die Internetseite www.dichtmachen.org musste die Gewerkschaft ebenfalls dichtmachen (Aktenzeichen 2 Ga 9993/08). Anders im Fall von Rewe. Hier erließ das Arbeitsgericht Berlin zwar zunächst ebenfalls eine einstweilige Verfügung gegen die Gewerkschaft Verdi, die weitere Flashmobs untersagte. Das Flugblatt komme einem Boykottaufruf gleich, und Boykotte seien auch in Arbeitskämpfen grundsätzlich nicht erlaubt.

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