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Firmenjubiläen : Blümchen für 20 Jahre Arbeit

  • -Aktualisiert am

Ist das alles? Immer mehr Firmen verzichten auf Jubiläumsprämien Bild: Fotolia

Einst wurden Jubilare in den Unternehmen groß gefeiert. Inzwischen aber fahren immer mehr Arbeitgeber ihre Zuwendungen drastisch zurück. Nicht ganz zu Unrecht, finden Experten. Dass Prämien für mehr Motivation sorgen, ist nicht erwiesen. Entscheidend ist aber der Stil.

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          Das waren noch Zeiten!" Wenn Herbert Gailer an seine Anfänge bei Siemens zurückdenkt, kommt Wehmut auf. Er war kaum ein paar Monate im Betrieb, als sein damaliger Chef sein 25-jähriges Firmenjubiläum feierte. Mit dem dicksten Mercedes wurde der Jubilar von zu Hause abgeholt und mit einem rauschenden Fest empfangen. Ein Vorstandsmitglied hielt eine launige Rede, und am nächsten Tag durfte der Geehrte sogar mit ausgewählten Kollegen im Führungskräftekasino speisen. Als der Mann ein paar Jahre später in den Ruhestand ging, konnten ihn die Kollegen auf Firmenkosten noch einmal richtig hochleben lassen.

          Als Gailer selbst, der seinen richtigen Namen lieber nicht nennen möchte, vor ein paar Monaten in Rente ging, kam niemand mit einem Blumenstrauß. Auch vorher hatte ihm niemand für die mehr als zwanzigjährige Treue gedankt. Das Vierteljahrhundert habe er zwar nicht ganz erreicht, aber das, weiß der diplomierte Mathematiker, wäre auch unerheblich gewesen: "Schon seit gut zehn Jahren werden Jubilare bei Siemens nicht mehr persönlich gewürdigt." An seinem letzten Arbeitstag hat Gailer ein paar Flaschen Sekt ausgegeben und sich dann - wie viele Kollegen vor ihm - "am Ende eines langen Berufslebens zum Drehkreuz rausgeschlichen".

          Raus aus den Tarifverträgen

          Ein drastischer Einzelfall? Weit gefehlt: An Siemens zeigt sich nur, was in der gesamten Wirtschaft stattfindet: Treue ist nicht mehr erwünscht und wird auch nicht mehr belohnt. "Der Trend ist ganz eindeutig", sagt Ilse Schaad, im Bundesvorstand der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft zuständig für Tarif- und Beamtenrecht. "Wo immer es geht, versuchen die Firmen von Jubiläumsfeiern und -gratifikationen wegzukommen."Freimut Wolny, der im Bundesverband der Arbeitgeberverbände das Tarifarchiv betreut, bestätigt diese Einschätzung. Einst waren Jubiläumszuwendungen in fast allen Flächen- und Firmentarifverträgen verankert, nun fallen sie nach und nach heraus. Nicht nur in der Industrie und im Dienstleistungsgewerbe verringert sich das Engagement, auch im Handwerk, wie Alexander Legowski vom Zentralverband des Deutschen Handwerks bestätigt. Oft wird die Politik als Grund vorgeschoben, die 1999 die Aufwendungen für Jubiläen steuer- und beitragspflichtig gemacht hat. "Das alleine ist es aber nicht", betont Wolny.

          Wenn es überhaupt noch Jubiläumsprämien gibt, dann zumeist in Branchen oder Unternehmen, die dem öffentlichen Dienst nahestehen, also beispielsweise in der Energie- und Versorgungswirtschaft, in der Wohnungswirtschaft oder in der Reisebranche. Und auch dort sind die Präsente zumeist nicht mehr, was sie mal waren. Nicht nur der Zeitpunkt der ersten Prämie wird kontinuierlich nach hinten geschoben, auch ihre Höhe wurde drastisch gekürzt. Konnte der Chef von Herbert Gailer noch mit einem doppelten Monatsgehalt nach Hause gehen, so gibt es heute bestenfalls Pauschalbeträge.

          Familienunternehmen zahlen besser

          Gut 300 Euro beispielsweise zahlt die Hypo-Vereinsbank für zehnjähriges Dabeisein, etwas mehr als 600 Euro für 25 Jahre und nicht einmal 1300 Euro für 40 oder 50 Jahre. Und damit liegt die neustrukturierte Bank, deren Vorgängerinstitute ihre Gratifikationen früher ebenfalls ans Gehalt gekoppelt hatten, gut im Mittel. Nur in Familienunternehmen wie etwa Bahlsen wird auch mal das Doppelte gezahlt. "Aber das ist nichts, was wir an die große Glocke hängen möchten", stellt ein Sprecher klar.

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