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Finanzberufe : Bonus statt Schulterklopfen

Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

Finanzkrise? War da was? Die Finanzbranche gilt immer noch als attraktiver Arbeitgeber, sie lockt mit Arbeitsplätzen in New York oder London und mit hohem Gehalt. Es gibt mehr Bewerber als Stellen. Doch langfristig könnte sich das ändern.

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          Banker, am besten Investmentbanker, das galt lange Zeit als Traumberuf. Dann kam die Finanzmarktkrise, und das Ansehen der scharf rechnenden Damen und Herren sank noch schneller als die Aktienkurse. Im Sommer 2009 trauten sich die einst so stolzen Mitarbeiter auf abendlichen Partys kaum noch, zu erzählen, wo und was sie arbeiten. Investmentbanker ist zum Schimpfwort geworden, zum Symbol für hemmungslose Geldvernichtung und skrupellose Abzocke. Doch so ungerecht das Pauschalurteil ist, so schnelllebig ist auch die Zeit. Schon zerren die Banken wieder an den guten Leuten, locken mit hübschen Gehältern und Boni. Der Kampf um die besten Talente ist längst wieder in vollem Gange, falls er überhaupt jemals wirklich erlahmt war.

          Holger Appel
          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Technik und Motor“.
          Julia Löhr
          Wirtschaftskorrespondentin in Berlin.

          „Die Finanzkrise hat uns alle getroffen. Die Reputation der Branche hat gelitten“, sagt Karl von Rohr, Personalleiter für den deutschen Markt der Deutschen Bank. Er hat eine Verunsicherung unter den Bewerbern festgestellt, auf Seiten der Arbeitgeber sei eine gesunde Portion Bescheidenheit die richtige Antwort. Aber zumindest die Deutsche Bank sei relativ gut durch die Krise gekommen. „Es ist sogar so, dass wir uns in einschlägigen Ranglisten über die Popularität als Arbeitgeber verbessert haben.“ Außerdem bleibe die Branche insgesamt ein attraktives Arbeitsfeld mit Zukunft. „Es ist ja nicht so, als ginge der Bankensektor nachhaltig in die Knie. Es wird immer eines Finanzintermediärs bedürfen“, sagt von Rohr.

          Die Zahlen spielen ihm in die Hände. 600 Ausbildungsplätze bietet die Deutsche Bank im Jahr, darauf bewerben sich 24.000 junge Leute. Auch die 700 Traineeplätze, von denen 200 in Deutschland angeboten werden, sind kräftig überbucht. Wie viele Spontanbewerbungen die Deutsche Bank im Jahr von Quereinsteigern auf höhere Positionen bekommt, erfasst sie erst gar nicht. „Ich mache mir um den Bewerbermarkt grundsätzlich nicht allzu große Sorgen. Da wir aber weiter in der Liga der Spitzenbanken spielen wollen, müssen wir uns anstrengen“.

          Bild: Cyprian Koscielniak / F.A.Z.

          Mehr auf Nachhaltigkeit bedacht

          Stephan Hostettler teilt von Rohrs Optimismus. Im Hauptberuf ist er Unternehmensberater mit dem Schwerpunkt Vergütungssysteme, im Nebenberuf Lehrbeauftragter der Schweizer Elitehochschule in St. Gallen. „Banken sind für Absolventen nach wie vor attraktive Arbeitgeber. Sie bieten die Aussicht auf eine Karriere im Ausland“, berichtet Hostettler aus seinen Gesprächen mit Studenten. New York, London – die Strahlkraft der Finanz-Hauptstädte sei ungebrochen. „Außerdem reizt es Studenten, an großen Geschäften mitzuwirken, etwa im Bereich Corporate Finance.“

          Doch in einem Punkt unterscheiden sich die heutigen Jung-Banker nach Hostettlers Beobachtung von früheren Absolventenjahrgängen: Die Generation, die nun ins Berufsleben startet, sei deutlich stärker auf Nachhaltigkeit bedacht, sagt er. Den Banken sollte das eigentlich entgegenkommen. Zumindest betonen die Verantwortlichen gerne, dass sie sich keine angepassten Jasager wünschen, sondern Mitarbeiter, die kritische Worte wagen. Auf hohe Gehälter verzichten wollten die nachhaltigen Nachwuchs-Banker jedoch nicht, berichtet Hostettler. Eine Deckelung der Bezüge empfänden sie als Einschränkung ihrer Freiheit. Der Berater ist überzeugt davon, dass in der Branche auch in Zukunft erfolgsabhängig gezahlt wird. „Geld ist eine Form der Wertschätzung. Es kann nicht durch ein Schulterklopfen ersetzt werden.“

          Hostettlers Beratungsunternehmen hat maßgeblich an dem neuen Vergütungssystem der Schweizer Großbank UBS mitgewirkt, die als Erste eine Maluskomponente einführte: Bestehende Bonusansprüche können in verlustreichen Jahren geschmälert werden – ein Element, das Hostettler für enorm wichtig hält: „Etwas zu verlieren, was man einmal hatte, ist psychologisch etwas anderes, als wenn der Bonus für ein Jahr null beträgt.“ Gleichwohl verstehe er, warum es eine solche Vergütungskomponente noch nicht überall gibt. „Der Arbeitsmarkt für Banker ist sehr liquide, daher sind viele Banken mit Malussystemen zögerlich.“

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