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Fehler im Job : Wenn der Chef den Schaden hat

  • -Aktualisiert am

Wer nur leicht fahrlässig handelt, haftet gar nicht Bild: fotolia.com

Ein Arbeitnehmer soll nicht für jeden Schaden haften, den er anrichtet. Denn sein Gehalt ist keine Risikoprämie, die jeden Unfall abdeckt. Zum Schutz der Angestellten haben Arbeitsgerichte versucht, Grenzen zu ziehen.

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          Grenzenlos sind die Möglichkeiten für einen Arbeitnehmer, am Arbeitsplatz Schäden anzurichten - sei es absichtlich oder aus Versehen. Er kann den Firmenwagen vor die Wand fahren. Oder seinen Computer mit Viren verseuchen. Oder ihm anvertrautes Geld verlieren. Oder einen dicken Rechenfehler in ein Gutachten einbauen. Sein Gehalt bekommt der Missetäter in jedem Fall unbegrenzt weiter - auch für schlechte Arbeit gibt es gutes Geld. Aber bleiben Chefs oder Kunden auf ihren Schäden sitzen?

          Grundsätzlich gilt: Fehler im Job werden nach anderen Maßstäben behandelt als Fehler im Privatleben. "Ein Grund dafür ist, dass der Arbeitnehmer sein Arbeitsumfeld nicht selbst organisiert", sagt Uta Teschke-Bährle, Fachanwältin für Arbeitsrecht bei der Kanzlei Bährle und Partner. "In einem fremdbestimmten Umfeld kann man das Schadensrisiko nicht im gleichen Umfang beeinflussen wie im Privatleben." Je anspruchsvoller die Tätigkeit und je höher die Vermögenswerte, mit denen jongliert wird, umso weniger erscheint es gerechtfertigt, einem Pechvogel den Schadensersatz in voller Höhe aufzubürden. Sein Gehalt ist keine Risikoprämie. Und wer für ein schmales Gehalt eine sündhaft teure Maschine falsch bedient, ist selten in der Lage, für eine Reparatur aufzukommen.

          Möglichst fair

          Die Arbeitsgerichte standen also vor der Aufgabe, die Folgen bei betrieblich veranlassten Schäden möglichst fair zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer zu verteilen. Lange Zeit gab es eine Haftungserleichterung nur bei "gefahrgeneigten Tätigkeiten", die schon von ihrer Art her ein latentes Schadensrisiko in sich trugen. Das galt etwa für Gebäudereiniger, die sensible Bereiche wie pharmazeutische Labore, Großküchen oder Operationssälen sauber hielten. "Das sorgte nur für eine enorme Rechtsunsicherheit", sagt Rechtsanwältin Teschke-Bährle. "Bei jeder Tätigkeit mussten die Gerichte aufs Neue entscheiden, ob sie gefahrgeneigt war." 1994 verabschiedete sich das Bundesarbeitsgericht deshalb von dieser Abgrenzung und stellt seitdem nur noch auf die Schusseligkeit des jeweiligen Mitarbeiters ab: Je stärker er die im Geschäftsverkehr übliche Sorgfalt außer Acht lässt, umso teurer wird es für ihn.

          Wer im Job einen Schaden vorsätzlich oder grob fahrlässig verursacht, haftet grundsätzlich voll. Wer nur leicht fahrlässig handelt, haftet gar nicht. Die Frage einer gefahrgeneigten Tätigkeit taucht nur noch in der Kategorie der mittleren Fahrlässigkeit auf, wo der Schaden auf Mitarbeiter und Chef verteilt wird. Die exakte Quote bestimmt sich nach dem Betriebsrisiko, dem Gehalt des Mitarbeiters oder dem Grad seiner Ausbildung. Das BAG hat diese Grundsätze zur Haftungsprivilegierung sicherheitshalber in Stein gemeißelt: "Sie sind einseitig zwingendes Arbeitnehmerschutzrecht. Von ihnen kann weder einzel- noch kollektivvertraglich zu Lasten des Arbeitnehmers abgewichen werden" (Az. 8 AZR 91/03).

          Wer handelt grob, wer leicht fahrlässig?

          Abgrenzungsprobleme gibt es trotzdem zur Genüge. Wer handelt grob, wer leicht fahrlässig? Liegt grobe Fahrlässigkeit vor, wenn ein Kurier über seine offenen Schnürsenkel stolpert und eine zerbrechliche Lieferung fallen lässt? Wie ist ein dicker Rechenfehler in einer hochkomplexen Betriebsprüfung zu behandeln? "Als grob fahrlässig stufen die Arbeitsgerichte Fälle ein, wo sich das Schadensrisiko dem Mitarbeiter eigentlich hätte aufdrängen müssen", sagt Uta Teschke-Bährle. Noch komplizierter wird es, wenn der Geschädigte nicht der Chef ist, sondern Kunden, Geschäftspartner oder sonstige Dritte. Es entsteht ein Haftungsdreieck, dessen Beteiligte durch gesetzliche und vertragliche Haftungsregeln verbunden sind. So kann ein Auftraggeber für ein fehlerhaftes Gutachten nicht nur vom Arbeitgeber Schadensersatz verlangen. Womöglich hat er auch einen deliktischen Anspruch gegen Gutachter Müller selbst.

          Gegenüber Außenstehenden kann sich der Arbeitnehmer jedenfalls nicht auf sein Haftungsprivileg berufen. Was interessiert es den Kunden eines Baumarkts, der auf dem Parkplatz von einem Gabelstaplerfahrer verletzt wird, dass Gabelstaplerfahrten gefahrgeneigte Tätigkeiten sind? Grundsätzlich muss der Fahrer alle Schäden ersetzen. Handelte er aber nur leicht fahrlässig, kann er von seinem Arbeitgeber verlangen, ihn von der Haftung freizustellen oder zumindest nachträglich die Kosten zu erstatten. Der Kunde oder Geschäftspartner wird sich ohnehin in aller Regel lieber an den Baumarkt halten als an einen finanziell schwächeren Mitarbeiter - es sei denn, der Unternehmer ist insolvent. Dann hilft dem Arbeitnehmer auch seine Privilegierung nichts, er muss dem Dritten den Schaden ersetzen und bleibt auf der Summe sitzen.

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