https://www.faz.net/-gyl-89bp7

Gehälter : Kleiner Unterschied, große Lücke

Bild: F.A.Z.

Männer verdienen mehr als Frauen. Das ist bekannt. Aber warum ist der Unterschied in Baden-Württemberg so besonders riesig? Und warum geht es in Mecklenburg-Vorpommern oder Hessen viel gerechter zwischen den Geschlechtern zu?

          2 Min.

          Der kleine Unterschied macht bei den Gehältern einen großen: Frauen verdienen im Durchschnitt deutlich weniger als Männer. Das ist seit Jahren bekannt. Doch regional können die Unterschiede deutlich variieren, wie sich aus dem neuesten Gehaltsatlas von Gehalt.de und der F.A.Z. ablesen lässt: Unter Deutschlands Fach- und Führungskräften verdienen die Frauen im Durchschnitt rund 26 Prozent weniger als die Männer. Aber es gibt Bundesländer, die in Punkto Frauen-Einkommen schon mehr Fortschritte gemacht haben als andere.

          Nadine Bös

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Beruf und Chance“.

          Grundsätzlich gilt: In Bundesländern, in denen die Verdienste generell hoch liegen, verdienen auch die Frauen mehr als in den Regionen mit durchschnittlich niedrigeren Gehältern. Doch in manchen Bundesländern ist die Gehaltsdifferenz zwischen den Geschlechtern deutlich kleiner als anderswo. Dazu gehören Hessen, Berlin und die neuen Bundesländer. In Baden-Württemberg dagegen klafft mit 37,2 Prozent die größte Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen; auch in Bayern ist die Diskrepanz mit 33,9 Prozent nicht gerade klein.

          Woran liegt's? In Teilen ist die Branchenstruktur in den Bundesländern Schuld. „Im Süden der Republik herrscht fast Vollbeschäftigung vor allem in technischen Berufen“, sagt Tim Böger, Geschäftsführer von Gehalt.de. „Ingenieure in der Automobilindustrie erhalten dort die höchsten Gehälter. Hier ist der Frauenanteil allerdings sehr gering.“ Die Entgeltlücke werde dadurch in Baden-Württemberg und in Bayern überproportional groß. „In Hessen dagegen ist der Industrieanteil verhältnismäßig gering. Dafür gibt es hier viele Dienstleistungsunternehmen, in welchen auch viele Frauen beschäftigt sind. Das führt zu einer geringeren Entgeltlücke“, sagt Böger.

          Aber auch kulturelle Gründe können mit hineinspielen. Für die deutlich geringere Gehaltslücke in den ostdeutschen Ländern etwa  nennt Waltraud Kratzenberg-Franke, Projektmanagerin des Forums Equal Pay Day des Verbands Business and Professional Women mehrere Ursachen. Zum Beispiel, dass die Rollenstereotype dort weniger ausgeprägt seien als im Westen. „In Ostdeutschland ist es nichts Ungewöhnliches, dass Frauen nach der Babypause wieder in Vollzeit arbeiten“, sagt sie. „Dazu kommt, dass die Betreuungs-Infrastruktur bis heute dort besser ist als in Westdeutschland“.

          Kontrastiere man die Situation in den neuen Bundesländern etwa mit Baden-Württemberg, spiele es auch eine Rolle, dass die Einkommen von Männern wie Frauen in Ostdeutschland geringer seien, sagt Kratzenberg. „Die Notwendigkeit, dass in einer Familie beide Elternteile arbeiten, ist dadurch einfach viel häufiger gegeben“, analysiert sie. „In Baden-Württemberg können es sich viel mehr Frauen leisten, nur in Teilzeit zu arbeiten, weil der Mann die Familie ernähren kann.“

          Insgesamt lässt sich sagen, dass die riesige Gehaltslücke ziemlich zusammenschrumpft, wenn man nicht den so genannten „unbereinigten“, sondern den „bereinigten“ Gehaltsunterschied zwischen Mann und Frau betrachtet. In der 26-Prozent-Lücke, die Gehalt.de identifiziert hat, sind nämlich alle Gründe für einen geringern Frauenverdienst enthalten. Auch die, an denen die Frauen sozusagen selbst Schuld sind: Die Tatsache etwa, dass sie Berufe wählen, die weniger Geld bringen als andere. Lieber Kindergärtnerin als Ingenieurin, lieber Bürokauffrau als Mechatronikerin – solche Entscheidungen führen oft zu geringeren Einkommen von Frauen. Oder die Tatsache, dass etliche Mütter nur in Teilzeit arbeiten und dadurch nicht nur an Karrieremöglichkeiten verlieren, sondern auch an Gehalt.

          Doch auch bereinigt um solcherlei Faktoren bleibt ein Verdienstunterschied zwischen Mann und Frau bestehen. Die aktuelle Studie von Gehalt.de beziffert ihn nicht, laut Statistischem Bundesamt lag er jedoch zuletzt bei etwa 7 Prozent. Dieser so genannte „unerklärte Rest“ bietet noch Raum für Spekulationen. Verhandeln die Frauen einfach nicht so ungeniert wie ihre männlichen Kollegen? Bezahlen Arbeitgeber auch kinderlose Vollzeitfrauen schlechter, weil sie einpreisen, dass diese vielleicht einmal Kinder bekommen und damit weniger wertvoll für sie werden könnten? Oder werden Frauen heutzutage einfach immer noch diskriminiert? „Eine Mischung aus all diesen Gründen“, glaubt die Fachfrau Waltraud Kratzenberg-Franke.

          Weitere Themen

          Corona-Einschränkungen spalten Alt und Jung

          Umfrage : Corona-Einschränkungen spalten Alt und Jung

          Die Lockerungspläne in Thüringen erregen die Gemüter. Eine aktuelle Umfrage zeigt, dass junge Menschen vor allem berufliche Einschränkungen ablehnen – während die Maßnahmen wirtschaftlich eine andere Gruppe besonders hart treffen.

          Topmeldungen

          Nicht nur am Mainufer, sondern auch an der Frankfurter Börse herrscht frühlingshafter Optimismus.

          Steigende Kurse trotz Krise : Das Börsenvirus

          Die Wirtschaft liegt noch am Boden, doch die Kurse an der Börse steigen und steigen. Kann die Wette auf die bessere Zukunft aufgehen?

          Unruhen in Minneapolis : Am „Ground Zero“ der Proteste

          Der Tod eines Afroamerikaners entfacht schwere Ausschreitungen in ganz Amerika. Auch viele Weiße klagen über den Rassismus der Polizei. In Minneapolis rücken im Morgengrauen Soldaten ein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.