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Hoffentlich gut versichert : Krisengebiete als Karriereturbo

Heikle Mission: Mitarbeiter des Ölkonzerns Agip auf einer Bohrinsel in Nigeria. Bild: laif

Cholera, Malaria und Krieg: Fast 90 Prozent der deutschen Unternehmen schicken Mitarbeiter regelmäßig in hochriskante Gebiete. Das kann in einem rechtlichen Chaos enden.

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          Für den Aufstieg in die Chefetage sind Einsätze im Ausland recht förderlich. Wer sich in Missachtung jeder Reisewarnung des Auswärtigen Amtes sogar in einem politisch riskanten Schwellenland beruflich bewährt hat, kann womöglich auch die unternehmerischen Risiken besser schultern, lautet die gängige Vermutung. Bei Personalmanagern stehen „Expats“, wie die erfahrenen Kandidaten genannt werden, daher hoch im Kurs. Dabei kann es bei den Einsätzen im Ausland durchaus riskant werden. Einer Umfrage der gemeinnützigen Organisation International SOS zufolge senden 88 Prozent der deutschen Unternehmen ihre Mitarbeiter regelmäßig in medizinisch hochriskante Gebiete. Zwei Drittel der befragten Arbeitgeber geben dabei an, dass solche Extratouren durchaus für längere Zeit geplant sind.

          Hendrik Wieduwilt

          Redakteur der Wirtschaft in Berlin, zuständig für „Recht und Steuern“.

          Entsendungen mit einer durchschnittlichen Aufenthaltsdauer von rund zwei Jahren liegen gegenwärtig im Trend, heißt es in einer aktuellen Studie des Personalberatungsunternehmens Mercer. Die Entwicklung begründet Beraterin Christa Zihlmann mit dem Umstand, dass vor allem Klein- und Mittelbetriebe in Deutschland international tätig sind und sich mit eigenen Mitarbeitern in die Wachstumsmärkte vortasten.

          Je nachdem, ob der jeweilige Absatzmarkt aus politischer oder umwelttechnischer Sicht als Krisenregion eingestuft wird, erwachsen dadurch unterschiedliche Risiken für den Arbeitgeber. Angesichts der juristischen Folgen hat der Spitzenverband der gesetzlichen Unfallversicherung zusammen mit International SOS und der Großkanzlei Dentons eine Übersicht über die Rechte und Pflichten deutscher Unternehmen erstellt, die dieser Zeitung exklusiv vorliegt.

          Ohne Abkommen verheddern sich die Rechtsordnungen wie Kopfhörerkabel

          „Die Sicherheit und Gesundheit von Entsendeten in Ländern wie Libyen, Nigeria, Pakistan oder im Irak zu gewährleisten ist viel umfangreicher als in der Europäischen Union“, warnt darin Stefan Eßer von International SOS, Mitautor des Leitfadens. Viele Unternehmen würden verkennen, dass für Auslandsstandorte bisweilen eine eigene medizinische Infrastruktur geschaffen werden muss. Der Allgemeinmediziner weist dabei auf die Unterschiede zwischen Stadt und Land in vielen Staaten hin. Während beispielsweise in einer Metropole wie Bangkok eine intakte medizinische Versorgung gewährleistet sei, sehe das in ländlichen Produktionsstandorten Thailands womöglich ganz anders aus. Ähnliches gelte für die aufstrebenden Wachstumsmärkte in Brasilien, China, Russland oder Indien.

          Dagegen sind innerhalb Europas die juristischen wie wirtschaftlichen Risiken überschaubar. Bei rechtlichen Belangen helfen mehrere EU-Verordnungen weiter. Danach gilt das jeweilige Sozialversicherungsrecht eines Mitgliedstaates, für Expats in Deutschland also meist das deutsche. Damit haftet nicht der beitragszahlende Arbeitgeber, sondern die nationale Sozialversicherung. Außerhalb der EU können internationale Abkommen weiterhelfen, mit ähnlichen Rechtsfolgen, wie sie auch im europäischen Ausland gelten.

          Fehlen solche Verordnungen oder Abkommen, verheddern sich die Rechtsordnungen der beteiligten Staaten meist wie Kopfhörerkabel: Ein doppelter Versicherungsschutz kann etwa die Folge sein, heißt es in dem Leitfaden. Für den größten Teil der befristeten Entsendungen hat jedoch das deutsche Sozialversicherungsrecht seine Gültigkeit.

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