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Gehaltslücke : Frauen, werdet Computer-Nerds!

Die Softwareingenieurin Isis Wenger warb im vergangenen Jahr in einer Twitter-Kampagne für den Job. Mit Recht, wie nun ein Blick aufs Geld zeigt: Frauen in der IT-Branche werden fast genauso gut bezahlt wie Männer. Bild: AP

Männer verdienen deutlich besser als Frauen. Das ist bekannt. Spannend aber sind die Fakten dahinter: Zum Beispiel ist die Gehaltslücke bei Medizinern und Juristen eklatant - in der IT-Branche dagegen ist sie kaum vorhanden.

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          Männer verdienen in Deutschland noch immer deutlich mehr als Frauen. Dieser Satz ist zur Zeit wieder häufig zu lesen, naht doch der so genannte „Equal Pay Day“ am 19. März. Das ist der Tag, bis zu dem Frauen statistisch gesehen „unbezahlt“ arbeiten, vergleicht man ihr Gehalt mit dem der männlichen Kollegen. Dementsprechend ist an diesem Mittwoch die alljährliche Auswertung der Verdienstunterschiede vom Statistischen Bundesamt erschienen. Und die zeigt Positives:

          Nadine Bös
          (nab), Beruf & Chance, Wirtschaft

          Die Gehaltslücke zwischen Männern und Frauen hat sich im vergangenen Jahr etwas verringert. Arbeitnehmerinnen kamen auf durchschnittlich 16,20 Euro brutto je Stunde, das waren 21 Prozent weniger als ihre männlichen Kollegen verdienten (20,59 Euro). Im Jahr zuvor hatte der Abstand noch 22 Prozent betragen.

          Doch auch an den 21 Prozent Entgeltlücke gibt es jede Menge Kritik. Denn Qualifikation und Art der Tätigkeit werden dabei nicht berücksichtigt. Frauen entscheiden sich für andere Stellen und Branchen als Männer, sie haben seltener Führungsverantwortung, arbeiten häufiger in Teilzeit und haben häufiger Unterbrechungen in ihrer Erwerbsbiographie, etwa durch Babypausen. Entsprechend schwer sind ihre Gehälter oft vergleichbar. Zudem fließe in die Auswertung des Statistischen Bundesamtes nur sozialversicherungspflichtige Jobs ein; der Rest bleibt außen vor.

          Viele Erklärungsansätze und ein „unerklärter Rest“

          In diese Lücken springt eine andere Studie, die FAZ.NET exklusiv vorab vorliegt: Zum einen erweitert sie die Datenmenge über die sozialversicherungspflichtigen Stellen hinaus. Berücksichtigt werden also auch Arbeitnehmer, deren Vergütung oberhalb der Beitragsbemessungsgrenzen liegt. Dazu zählen zum Beispiel geschäftsführende Gesellschafter, Selbständige und Beamte. Zum anderen betrachtet die Studie weitere Faktoren wie Branche, Alter, Berufsausbildung und Firmengröße - mit hoch spannenden Resultaten.

          Die Auswertung stammt von der Hamburger Vergütungsberatung Compensation Partner, die fast 245.000 Gehaltsdaten analysiert hat. Unbereinigt ergibt sich hier zunächst sogar eine noch größere Lohnlücke von rund 25 Prozent. Im Vergleich zur Vorjahresauswertung der Berater hat sie sich allerdings um fast zwei Prozent verringert - die gute Nachricht des Statistischen Bundesamtes spiegelt sich also auch hier wider.

          Eine Erklärung dafür, warum die Entgeltlücke überhaupt besteht, sieht die Studie der Vergütungsberatung darin, dass Männer häufiger Führungsverantwortung übernehmen als Frauen. Die Gehaltsunterschiede sinken demnach, wenn der Faktor „Personalverantwortung“ miteinbezogen wird. Generell ergäben sich bei Tätigkeiten mit ähnlichen Anforderungen deutlich geringere Gehaltslücken.

          Herausgefunden haben das die Vergütungsberater durch das Bilden so genannter „Zwillingspärchen“. Sie stellten Männer und Frauen mit ähnlichen Berufsprofilen gegenüber. Die Kandidaten hatten ein ähnliches Alter, arbeiteten in der gleichen Region, im gleichen Beruf und auf vergleichbarer Hierarchieebene. Und siehe da: Je nach Beruf schrumpften die Differenzen auf bis zu 1,5 Prozent. Allerdings: Der so genannte “unerklärte Rest“ bleibt auch bei den Zwillingspärchen - im Durchschnitt liegt er immer noch bei um die 15 Prozent. Fazit der Berater: Der bereinigte Unterschied bei der Bezahlung von Männlein und Weiblein ist deutlich kleiner als es die nackten Zahlen zunächst vermuten lassen. Es bleibt aber immer noch eine Lohnlücke übrig, die etwa auf schlechte Verhandlung, Frauendiskriminierung etc. zurückzuführen sein könnte. Auch das Statistische Bundesamt kommt auf einen solchen, nicht erklärbaren Rest, der bei vergleichbarer Tätigkeit und äquivalenter Qualifikation verbleibt. Es beziffert ihn sogar mit 7 Prozent noch etwas niedriger als die Vergütungsberater.

          Eklatante Branchenunterschiede

          Spannend sind auch die eklatanten Branchenunterschiede. Mediziner und Juristen weisen die höchsten Gehaltsunterschiede zwischen Männern und Frauen auf. Bei den Medizinern liegt die Entgeltlücke bei 26,1 Prozent, bei den Juristen beträgt sie 23,6 Prozent. In der gesamten Rechtsbranche findet sich mit fast 40 Prozent sogar der größte Unterschied in der Bezahlung von Männern und Frauen überhaupt.

          Bild: F.A.Z.

          Dagegen liegen männliche und weibliche Informatiker bei der Bezahlung recht nah beieinander: Nur 7 Prozent beträgt hier der Unterschied in der Bezahlung. Hier mache sich die große Nachfrage nach IT-Fachkräften besonders bemerkbar - noch deutlicher als im Vorjahr, wo die Lohnlücke in diesem Bereich noch bei 15 Prozent lag. Frauen, werdet Computer-Nerds - so scheint die Botschaft derzeit zu sein, jedenfalls, wenn es nach der Bezahlung geht.

          Eine besonders geringe Lohnlücke zeigt sich insgesamt in den kleinen und mittelgroßen Dienstleistungsunternehmen, relativ gering sind die Unterschiede in der Bezahlung von Männern und Frauen auch in der Pharma-, Chemie- und Konsumgüterbranche. Große Unterschiede herrschen jedoch im gesamten Gesundheitswesen - ausgerechnet der Lieblingsbranche von weiblichen Arbeitnehmerinnen.

          Bild: F.A.Z.

          Außerdem interessant: Das Alter spielt bei der Lohnentwicklung eine relevante Rolle. So beträgt die Lohnlücke bei unter 20 Jahre alten Fachkräften 12,7 Prozent – bei 50 bis 59 Jahre alten Beschäftigten 32,7 Prozent. Bei jungen Führungskräften zwischen 20 und 29 Jahren liegt die Differenz bei 18,9 Prozent und steigt bis auf 34,4 Prozent bei über 60-Jährigen an. Eine Rolle könnten dabei Erwerbsbiographien spielen, die in jungem Alter noch bei relativ ähnlichen Ausgangspositionen starten, in höherem Alter aber durch Babypausen und Teilzeiten von Frauen anders verlaufen als die der Männer.

          Frauen bekommen nicht mal halb so viel Rente wie Männer

          Ist der Lohnrückstand der Frauen bei den Gehältern im europäischen Vergleich schon hoch, so ist er übrigens noch viel größer bei der Rente: Frauen bekommen nicht mal halb so viel Geld im Alter wie Männer. Das hat das gewerkschaftsnahe Wirtschaftsforschungsinstitut WSI ausgerechnet.

          Der so genannte „Gender Pension Gap“, also der Unterschied in der gesamten Rentenhöhe zwischen Frauen und Männern lag demnach im Jahr 2011 bei 57 Prozent. Langfristig zeigt sich aber auch hier ein Trend zur Angleichung zwischen den Geschlechtern: 1992 betrug der Unterschied in Deutschland noch 69 Prozent.

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