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Interview : „Die Kirche nutzt Methoden wie im 19. Jahrhundert“

  • Aktualisiert am

Renate Richter: Eine ganze Reihe von Pfarrern sind bei uns Mitglied Bild: Kay Herschelmann

„Offiziell lobt die Kirche gerne die wichtige Rolle der Gewerkschaften in dieser Gesellschaft, aber in ihren eigenen Einrichtungen wollen sie von ihnen nichts wissen“, sagt die Gewerkschafterin Renate Richter im Interview.

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          Seit auch die Kirchen sparen müssen, wenden sich ihre Arbeitnehmer den Gewerkschaften zu, sagt Renate Richter. Doch kirchliche Betriebe würden Gewerkschafter diskriminieren.

          Die Gewerkschaften behaupten, dass Arbeitnehmer in kirchlichen Einrichtungen gezielt eingeschüchtert würden. Ist das nicht übertrieben?

          Im Vorfeld des Krankenhausstreikes am 16. März 2007 bei der Diakonie in Stuttgart gab es diese Einschüchterung. Es war der erste ganztägige Streik in einer kirchlichen Einrichtung 1919. Von Arbeitgeberseite hieß es, eine Teilnahme sei eine Verletzung der Arbeitspflicht und hätte Abmahnung und Kündigung zur Folge. Es wurde sogar verboten, den Streikaufruf im Betrieb zu verteilen oder aufzuhängen. Das sind Methoden wie im 19. Jahrhundert. Offiziell lobt die Kirche gerne die wichtige Rolle der Gewerkschaften in dieser Gesellschaft, aber in ihren eigenen Einrichtungen wollen sie von ihnen nichts wissen.

          Werden Gewerkschafter in kirchlichen Einrichtungen benachteiligt?

          Es gibt immer wieder Konflikte. So verbieten Geschäftsführungen hauptamtlichen Gewerkschaftsvertretern den Zugang in ihre Einrichtungen. Manche dulden im Betrieb kein gewerkschaftliches Infobrett. Dagegen wehren wir uns und haben vor Gericht immer Erfolg. Oft wird behauptet, eine Einbeziehung der Gewerkschaft bedeute Fremdbestimmtheit. Dabei ist klar: Alle gewerkschaftlichen Aktivitäten werden nur gemeinsam mit den Mitgliedern der betroffenen Betriebe beschlossen und durchgeführt. Ich glaube, die kirchlichen Arbeitgeber fürchten die Stärke der Gewerkschaft und wollen sie deshalb außen vor lassen.

          Wie es scheint, meiden auch die Arbeitnehmer die Gewerkschaften wie der Teufel das Weihwasser. Ihr Organisationsgrad ist dort gering.

          Das stimmt so nicht. Wir haben Bereiche wie die Diakonie und einzelne Betriebe, die so gut organisiert sind wie der öffentliche Dienst oder andere Wohlfahrtsverbände.

          Kirchliche Betriebe schließen keine Tarifverträge ab. Sind die Beschäftigten mit dem kircheneigenen „Dritten Weg“, also den Kommissionen, die über Arbeitsbedingungen per Mehrheitsentscheidung beschließen, nicht gut gefahren in der Vergangenheit?

          In den vergangenen 30 Jahren haben die kirchlichen Arbeitgeber den alten BAT fast wortgleich übernommen, auch die Tariferhöhungen. Das führte dazu, dass für die Beschäftigten quasi automatisch alles gut lief. Erst in den letzten Jahren wurden die Tariferhöhungen des öffentlichen Dienstes immer öfter zeitverzögert übernommen oder ganz in Frage gestellt. Und seit wir im öffentlichen Dienst den modernen TVöD haben, klappt das nicht mehr so einfach. Jetzt merken immer mehr Kirchenbeschäftigte, wie das System funktioniert und dass sie selbst aktiv werden müssen. Höhere Löhne sind nun einmal Ergebnis von Verhandlungsstärke und Kampfkraft der Arbeitnehmer.

          Im Grundgesetz steht, Kirchen dürften ihre Angelegenheiten selbst regeln. Akzeptieren Sie nicht, dass die Mitarbeiter deshalb kein Streikrecht haben?

          Das Grundgesetz sieht nicht nur Rechte für die Kirche, sondern auch für Arbeitnehmer vor. Artikel 9 Absatz 3 garantiert die Koalitionsfreiheit, darin ist auch das Streikrecht enthalten. Wir halten uns an den früheren Bundesverfassungsrichter Jürgen Kühling. Er kommt in einem Gutachten „Arbeitskampf in der Diakonie“ zu dem Schluss, dass man bei einer Güterabwägung dieser beiden Grundrechte das Streikrecht nicht einschränken darf.

          Die Kirchen argumentieren, dass ihre Arbeit den christlichen Sendungsauftrag erfülle.

          Auch bei ihnen gibt es Interessengegensätze zwischen Arbeitnehmern und Arbeitgebern. Ich denke da nur an die Höhe des Lohns, die Arbeitszeit und andere Arbeitsbedingungen. Selbstverständlich wird bei einem Streik zum Beispiel in kirchlichen Krankenhäusern die Notversorgung der Patienten sichergestellt. So war es auch im letzten Jahr bei unserem Diakonie-Streik.

          Abmahnungen oder Kündigungen gab es danach nicht. Ein Zeichen der Nächstenliebe beim Arbeitgeber?

          Die Arbeitgeber wollen wohl vor allem öffentliche Gerichtsverfahren zu dieser heiklen Frage vermeiden.

          Vertreten Sie auch Geistliche und Ordensangehörige?

          Eine ganze Reihe von Pfarrern sind bei uns Mitglied und machen in ihren Aufgabenbereichen gezielt Gewerkschaftsarbeit. Ordensmitglieder sind mir in unseren Reihen nicht bekannt. Die sind ja auch über den Orden wirtschaftlich abgesichert.

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