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Bezahlung der „Golden Ager“ : Diskriminiert und dankbar

Vor dem EUGH haben Rüdiger Helm und Werner Mangold einst eine legendäre Entscheidung zur Altersdiskriminierung erstritten. Bild: dpa

Großkanzleien zahlen ihren Seniorpartnern weniger als den jüngeren Kollegen. Dabei lautet im normalen Arbeitsalltag die Gleichung oft: Je oller, desto doller. In der Anwaltsbranche offenbar nicht. Die Betroffenen finden das nicht mal ungerecht.

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          Das Arbeitsleben ist zutiefst ungerecht. Das bekommen ältere Mitarbeiter zu spüren, die im vorgerückten Lebensalter gegenüber jüngeren Kollegen auf der Suche nach einer Stelle diskriminiert werden. Oder aber umgekehrt die jüngeren Arbeitnehmer, die beim Urlaub und bei der Bezahlung den Kürzeren ziehen. Denn im normalen Arbeitsalltag lautet die Gleichung oft: Je oller, desto doller. Nur in der Anwaltsbranche scheint das anders zu laufen - ausgerechnet. In der schönen, grellen Welt der Großkanzleien erhitzen Vorwürfe von Altersdiskriminierung die Gemüter. Und Anwälte sind vor allem deshalb Anwälte, weil sie nicht nur über die Benachteiligung schwadronieren, sondern auch über mögliche Folgen. Oder vielmehr: die ganze Palette denkbarer Klagemöglichkeiten.

          Corinna Budras

          Redakteurin in der Wirtschaft und für Frankfurter Allgemeine Einspruch.

          Konkret geht es um die „abschmelzende Gewinnbeteiligung“ für die Gruppe der „Golden Ager“. So werden in der universalen Sprache des Marketings die Herrschaften im vorgerückten Alter genannt, auf welche die sonst übliche Bezeichnung „Senioren“ nicht so recht passen mag. Oder die zumindest mit dem Titel „Seniorpartner“ relativiert werden muss. Im Fall der Wirtschaftskanzleien sind das die verdienten Partner jenseits der 65 Jahre, die entschieden zu jung und agil sind für ihr Altenteil. Während in Kanzleien die Bezahlung ihrer Partner üblicherweise nur eine Richtung kennt - nämlich nach oben -, entwickelt sie sich in einigen Anwaltsbüros nach der magischen Grenze von 65 Jahren wieder nach unten.

          Diskriminierung wegen des Alters gewittert

          Zwei Münchner Rechtsanwälte, Rüdiger Helm und Werner Mangold, hat das auf den Plan gerufen; sie wittern hinter dieser Vorgehensweise eine Diskriminierung wegen des Alters. Die beiden müssen es wissen, schließlich haben sie einst die inzwischen legendär gewordene Entscheidung des Europäischen Gerichtshofs (EuGH) zur Altersdiskriminierung erstritten, unter Arbeitsrechtlern weithin bekannt unter dem Titel „Mangold-Urteil“. In diesem Verfahren setzte sich einst der Kläger - Werner Mangold - gegen seinen Arbeitgeber - Rüdiger Helm - mit einer Diskriminierungsklage durch. Der Chef hatte ihn nur befristet eingestellt und sich dabei auf eine Regelung gestützt, nach der Arbeitgeber damals ältere Menschen einfacher befristet einstellen konnten. Das sollte ihre Chancen auf dem Arbeitsmarkt erhöhen, denn wen man leichter loswird, den stellt man auch schneller ein. Eigentlich eine feine Sache, könnte man meinen, nur leider offensichtlich diskriminierend. Damit war die Regelung nach Auffassung des EuGH schlicht nicht anwendbar. Glücklicherweise fand Rüdiger Helm das auch und war deshalb nicht gerade enttäuscht, als ihn sein Mitarbeiter 2005 vor dem EuGH in die Schranken wies.

          Man könnte das Ganze als abgekartetes Spiel betrachten, viele taten das auch, doch dies störte weder den Europäischen Gerichtshof noch anschließend das Bundesverfassungsgericht. Damit hatten die beiden Rechtsgeschichte geschrieben, schließlich stellten die Luxemburger Richter zum ersten Mal klar, dass das Diskriminierungsverbot ein „allgemeiner Grundsatz des Gemeinschaftsrechts“ ist.

          Noch immer verstehen sich die Anwälte blendend und wollen nun den Großkanzleien an den Kragen. Die Mangold-Entscheidung, betonen sie nicht ohne Stolz, liefere auch für den Fall der abschmelzenden Gewinnausschüttung einen wertvollen Ansatz. „Der Generalverdacht, dass Leistungsbereitschaft und Leistungsfähigkeit von Menschen, insbesondere von erfahrenen Anwälten, im Alter abnehmen, ist durch nichts zu rechtfertigen“, schreiben Helm und Mangold in der gewerkschaftsnahen Zeitschrift „Arbeit & Recht“. Schnell wird deutlich: Gern würden die beiden Rechtsanwälte dagegen vorgehen. Auch Mangold, so schreiben die beiden in dem Beitrag, sei in die Jahre gekommen, auch dessen Honorare seien altersbedingt einem diskriminierend erscheinenden Schrumpfungsprozess unterworfen. „Er sitzt in den Startlöchern, um stellvertretend um altersbedingte Mindesthonorare für notleidende Juristen zu streiten.“ Es fehle ihm nur noch an „juristisch bewanderten Streit- und Leidensgenossen“. Schließlich arbeiten weder Helm noch Mangold in einer der diskriminierenden Anwaltsfabriken.

          Deshalb haben sie sich schon ein geeignetes Diskriminierungsopfer ausgesucht: Jobst-Hubertus Bauer, 68 Jahre alter Partner der Wirtschaftskanzlei Gleiss Lutz. Wer den Stuttgarter Arbeitsrechtler kennt - und das sind in Anwaltskreisen nicht wenige - mag ihn auf den ersten Blick nicht gerade für das ideale Opfer halten: Es gibt nur wenige, die in den vergangenen Jahren mit ähnlicher Verve das umstrittene Mangold-Urteil getadelt hätten wie der streitbare Jurist. Auch in seiner Replik auf das kühne Angebot kann sich Bauer die Kritik nicht verkneifen: „Für mich war der Fall Mangold/Helm ein - zugegebenermaßen durchaus kreatives - Stück aus dem Tollhaus“, schreibt er unverblümt in seiner Antwort, die jüngst ebenfalls in „Arbeit & Recht“ erschien.

          „Geld ist bekanntlich nicht alles“

          Allerdings bringt die reizvolle Offerte den standhaften Arbeitgeber-Anwalt zumindest ins Träumen: „Wäre eine ,Bauer-Entscheidung’ nicht ein krönender Abschluss meiner Karriere?“ fragt er unumwunden. Allerdings würde er ungern seine aktuelle Kanzlei verklagen, so viel Humor traue er seinen Partnern doch nicht zu. Wenn schon, müsste ein anderer Weg gefunden werden, sagt er.

          Helms Kanzlei solle ihn zum Seniorpartner machen. Auch über die Konditionen hat er genaue Vorstellungen: eine Gewinnbeteiligung, die der Hälfte der durchschnittlichen Anteile der übrigen Partner entspreche. Als alleiniger Grund für die Abschmelzung der Beteiligung sei das Alter zu nennen - und nicht etwa wie in seinem Fall bei Gleiss Lutz eine Reduzierung des Arbeitsaufwandes. Denn diese Art der „Altersteilzeit“ genieße er derzeit, stellt Bauer klar und schiebt dann hinterher: „Geld ist bekanntlich nicht alles.“ Das Bauer-Urteil dürfte damit noch auf sich warten lassen. Diskriminierung sieht anders aus.

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