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Bedenkzeit im neuen Job : Arbeiten auf Bewährung

  • -Aktualisiert am

Bild: F.A.Z. - Cyprian Koscielniak

Unternehmen prüfen Kandidaten immer genauer, damit das Arbeitsverhältnis nicht schon in der Probezeit scheitert. Doch oft gibt es trotzdem in den ersten Monaten Streit.

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          Beim Kölner Versicherungskonzern Axa brauchen sich neue Mitarbeiter kaum Gedanken zu machen, ob sie die Probezeit überstehen. Denn die Personalexperten des Unternehmens sieben schon vor der Unterschrift unter den Arbeitsvertrag aus der Masse an Bewerbern die geeignetsten heraus: Während eines Assessment Centers müssen sich Kandidaten auf Herz und Nieren prüfen lassen. "Wer diese Hürde nimmt, passt mit sehr großer Wahrscheinlichkeit zu uns", sagt Axa-Personalvorstand Ulrich Nießen. Er bemüht sich aus gutem Grund um eine möglichst gute Vorauswahl: Wenn neue Mitarbeiter während ihrer Probezeit den neuen Arbeitgeber wieder verlassen, ist das für das Unternehmen teuer und unpraktisch - es muss dann schnell einen Ersatz suchen. Für Axa geht die Strategie auf, berichtet Nießen: "Nur in äußerst wenigen Fällen erfolgt eine Trennung während der Probezeit."

          Wie Axa versuchen auch viele andere Unternehmen, die Quote der Mitarbeiter zu senken, die während der Probezeit wieder gehen - sei es, weil sie selbst oder der Arbeitgeber den Vertrag kündigen. Je besser die Personalabteilungen vorsortieren, desto geringer ist die Quote der Mitarbeiter, die in den ersten Monaten wieder gehen oder gehen müssen. Der Aufwand lohnt sich, sagt Wolfgang Lichius, Partner der Unternehmensberatung Kienbaum: "Wer sich eingehend mit den Stärken und Schwächen von Bewerbern beschäftigt und Referenzen einholt, kann den Anteil der Mitarbeiter deutlich senken, die während der Probezeit das Unternehmen wieder verlassen." Bei Arbeitgebern, die besonders gewissenhaft vorsortieren, sinkt die Quote fast auf null, weiß Lichius.

          Ausfallquoten von deutlich über 25 Prozent

          So gut funktioniert die Personalauswahl aber längst nicht in allen Unternehmen. Manche haben in den ersten Arbeitsmonaten neuer Mitarbeiter gar Ausfallquoten von deutlich über 25 Prozent, berichtet Jan Tibor Lelley, Partner der Rechtsanwaltskanzlei Buse Heberer Fromm. Der Arbeitsrechtler sieht einen Zusammenhang mit der Branche und der Größe des Unternehmens: "Je größer das Unternehmen ist und je traditioneller dessen Branche, desto mehr Angestellte überstehen die Probezeit."

          37 Prozent der deutschen Unternehmen haben sich jüngst während der Probezeit von Hochschulabsolventen getrennt, ergab eine Umfrage des Deutschen Industrie- und Handelskammertags (DIHK). Hauptgrund: Die Mitarbeiter konnten ihr theoretisches Wissen nicht in die Praxis umsetzen. Die DIHK-Umfrage bestätigt, was Experten schon seit einigen Jahren beobachten: Arbeitgeber trennen sich während der Probezeit entschlossener als früher von Angestellten, für die sie sich nicht erwärmen können. "Führungskräfte schauen heute in den ersten Monaten besonders genau hin, wie sich ein neuer Mitarbeiter macht", sagt Anwalt Lelley. Gibt es Probleme oder hat der Chef Zweifel, geht er immer häufiger kein Risiko ein und kündigt den Arbeitsvertrag. "Dahinter steckt die Annahme, dass man nach sechs Monaten in den allermeisten Fällen beurteilen kann, ob jemand ins Team passt oder nicht", sagt Lelley.

          Verkürzte Kündigungsfrist während der Probezeit

          Während der Probezeit können sich beide Parteien besonders einfach voneinander trennen, weil meist eine verkürzte Kündigungsfrist gilt. Sie beträgt mindestens zwei Wochen, so schreibt es das Gesetz vor. Häufig einigen sich die Vertragspartner aber auch auf eine längere Kündigungsfrist von vier oder sechs Wochen. In der Regel vereinbaren Unternehmen mit ihren Angestellten eine Probezeit von drei Monaten, wenn es sich bei der Arbeit um eine einfache Tätigkeit handelt. Bei anspruchsvolleren Aufgaben gelten dagegen meist sechs Monate. Einen Anspruch auf eine dreimonatige Probezeit haben Angestellte aber auch mit einer einfachen Tätigkeit nicht, entschied kürzlich das Bundesarbeitsgericht.

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