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Abmahnungen : Gelbe Karte für den Mitarbeiter

  • -Aktualisiert am

Eine Abmahnung ist kein Platzverweis Bild: Reuters

Flattert eine Abmahnung auf ihren Tisch, bangen Angestellte um ihren Job - selbst wenn die Vorwürfe falsch sind. Tatsächlich hat der Chef oft schon die Kündigung im Hinterkopf. Doch es gibt Wege, sich zu wehren.

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          Als Christian Schulz* vor einigen Wochen ins Büro seines Vorgesetzten kommen musste, hatte der Krankenpfleger keine Vorstellung, was auf ihn zukommen könnte. Nach einer kurzen Standpauke drückte sein Chef ihm wütend eine Abmahnung in die Hand. Angeblich hatte der 28-Jährige bei einer Nachtschicht unentschuldigt gefehlt.

          Schulz war fassungslos. „An diesem Tag hatte ich frei, weil ich vorher für eine Kollegin eingesprungen war.“ Einen Tag später war der Irrtum aufgeklärt - die Kollegin hatte den Tausch im Dienstplan nicht dokumentiert. „Mein Chef hat sich entschuldigt“, erzählt Schulz, „und die Abmahnung sofort zurückgenommen.“

          Ein deutlicher Warnschuss

          Selten einigen sich Vorgesetzte und Mitarbeiter so leicht über eine Abmahnung wie im Fall von Schulz. Für viele Anwälte gehört die Beratung rund um arbeitsrechtliche Verwarnungen zum Berufsalltag. „Bei mir erkundigen sich etwa fünf bis zehn Prozent der Mandanten danach, wie sie auf eine Abmahnung reagieren sollen“, berichtet der Freiburger Arbeitsrechtler Thomas Gnann.

          Viele abgemahnte Arbeitnehmer treibt vor allem die Furcht vor dem Verlust ihres Jobs dazu, sich professionelle Ratschläge einzuholen. Schließlich ist der scharfe Hinweis des Chefs auf die Pflichten des Beschäftigten der erste Schritt in Richtung einer verhaltensbedingten Kündigung. Die Rostocker Anwältin Doris Geiersberger schätzt, dass circa ein Drittel der Arbeitgeber, die eine Abmahnung aussprechen, bereits die verhaltensbedingte Kündigung für den betreffenden Mitarbeiter im Hinterkopf haben. Manche Arbeitsrechtler rechnen sogar mit bis zu 50 Prozent.

          Beleidigung, unkollegiales Verhalten, Unpünktlichkeit

          Diese Einstellung wurde auch Petra Kirchner* zum Verhängnis. Nach fünf Jahren Betriebszugehörigkeit kritisierte ihr Chef plötzlich das Engagement und die Arbeit der Berliner Sekretärin und mahnte sie ab - unter anderem, weil sie das Archiv nicht sorgfältig führe und Faxe nicht zeitnah verteile. Schon drei Monate später erhielt Kirchner die Kündigung. Der Vorwurf: Trotz der Abmahnung sei sie ihren Pflichten nicht ordnungsgemäß nachgekommen. Anwältin Geiersberger warnt daher: „Eine Abmahnung sollten Mitarbeiter sehr, sehr ernst nehmen.“

          Um sich im Falle eines Prozesses vor Gericht keine Blöße geben zu müssen, mahnen viele Arbeitgeber zumeist nur Verfehlungen ab, die auch die Richter als schwerwiegend einstufen. So musste beispielsweise ein Automechaniker eine Abmahnung akzeptieren, weil er auf seinem Stundenzettel angegeben hatte, pünktlich zur Arbeit gekommen zu sein. In Wahrheit hatte er Verspätung (Az.: 9 Sa 1942/98).

          Auch Beschäftigte, die trotz eines Verbotes während der Arbeitszeit privat im Internet surfen, dürfen von ihren Chefs abgemahnt werden (Az.: 5 Ca 4021/00). Unkollegiales Verhalten, beleidigende Äußerungen gegenüber Kunden oder schwerwiegende Vertragsverletzungen wie die Weitergabe von Betriebsgeheimnissen sind ebenfalls anerkannte Gründe für einen Warnschuss. „Wer sich nach einer Abmahnung noch einmal eine Verfehlung erlaubt, erhält in der Regel auch die Kündigung“, warnt Klaus Neef, Partner der Kanzlei Neef & Schrader in Hannover.

          Auf Frieden hoffen?

          Der gängige Glaube vieler Mitarbeiter, dass ihr Arbeitgeber sie erst nach der dritten Abmahnung kündigen dürfe, kann sich in der Praxis als schwerwiegender Irrtum erweisen: Das Arbeitsrecht schreibt den Vorgesetzten nicht vor, wie viele Abmahnungen sie vor einer Kündigung aussprechen müssen. Und spätestens nach dem zweiten Tadel verlieren die meisten Chefs die Geduld und beenden das Arbeitsverhältnis.

          Unabhängig davon, ob der Chef den Mitarbeiter mit einer Abmahnung nur ganz unmissverständlich auf seinen Fehltritt aufmerksam machen will oder ob er Vorbereitungen trifft, um ihn loszuwerden - dem angezählten Beschäftigten stehen mehrere Wege offen, auf die Rüge zu reagieren. „Ehe er irgendwelche Schritte einleitet, sollte sich der Betroffene genau überlegen, ob er weiterhin für den Arbeitgeber tätig sein will oder nicht“, erklärt Anwältin Geiersberger. Schließlich belaste eine Abmahnung das Arbeitsverhältnis in der Regel erheblich.

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