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Abfindunden : Mit Vollgas aus dem Job

  • -Aktualisiert am
Rechtsfrieden nach der Trennung ist käuflich
          4 Min.

          Volkswagen-Mitarbeiter Jan-Henrik Roden nutzte seine Chance sofort: Als der Autokonzern im Sommer 2006 wegen schwacher Ergebnisse den 85.000 Beschäftigten in den sechs westdeutschen Werken freiwillige Aufhebungsverträge anbot, um möglichst schnell Tausende Stellen abzubauen, unterschrieb Roden als einer der Ersten. Neben seiner persönlichen Abfindung von knapp 95.000 Euro zahlte VW dem 36-Jährigen weitere 54.000 Euro als Prämie, weil er einer Auflösung seines Arbeitsvertrags bis September 2006 zugestimmt hatte. Das Geld investierte Roden in ein kleines Fitnessstudio, dass er seit vier Jahren parallel zu seinem Job bei VW betrieben hatte. "Ohne die Abfindung", erzählt Roden, "hätte ich mich nie so schnell selbständig gemacht."

          Die Zusatzprämie von 54.000 Euro überzeugte neben Roden weitere 5700 Mitarbeiter, VW zu verlassen. Weitere 300 Mitarbeiter, die etwas mehr Bedenkzeit benötigten, gingen einige Monate später gegen eine Extrazahlung von 27.000 Euro.

          Opel, Infineon, Deutsche Bank

          So lief es auch bei Opel, Infineon oder der Deutschen Bank. Wer betriebsbedingt Jobs abbauen will oder Mitarbeitern kündigen muss, versüßt ihnen den Abschied gerne mit sogenannten Turbo- oder Rennprämien. Entweder unterschreibt der Mitarbeiter einen Aufhebungsvertrag, oder ihm wird gekündigt - in beiden Fällen ist die Prämie der Lohn für den Verzicht auf eine Kündigungsschutzklage.

          "Die Zahlung einer Turboprämie ermöglicht den Unternehmen, sich schnell und unkompliziert von den betroffenen Mitarbeitern zu trennen", fasst Hans-Georg Meier, Arbeitsrechtsexperte bei der Berliner Kanzlei Danckert Böx Meier, die Pluspunkte des Geldgeschenks zusammen. Sie ist ein Instrument für Arbeitgeber, die ihren Personalstamm möglichst rasch verringern wollen. Wer einen Aufhebungsvertrag unterschreibt, wird den Betrieb bis zu dem vertraglich festgelegten, zeitnahen Termin verlassen. Will der Arbeitgeber betriebsbedingte Kündigungen aussprechen, muss er im Gegenzug für das finanzielle Bonbon keine langwierigen Rechtsstreitigkeiten fürchten.

          Das Bundesarbeitsgericht (BAG) in Erfurt hat schon vor knapp zwei Jahren entschieden, dass Arbeitgeber den Verzicht auf eine Kündigungsschutzklage mit Geld entlohnen dürfen (Az.: 1 AZR 254/04). In einem aktuellen Urteil (Az.: 4 AZR 798/05) billigten die Richter darüber hinaus, dass auch Tarifverträge Geldprämien für den Verzicht auf eine Kündigungsschutzklage enthalten können.

          Wahlrecht: Geld oder Rechtsschutz

          Um den Mitarbeiter nicht aus formalen Gründen vor Gericht wiederzutreffen, muss der Arbeitgeber ihn aber unbedingt darauf hinweisen, dass er ein Wahlrecht hat: Geld oder Rechtsschutz. "So einfach das klingt, in der Praxis passiert es immer wieder, dass Unternehmen diesen Hinweis vergessen", sagt Anwalt Meier. Wer hier sorgfältig sei, dem gebe die Turboprämie aber "eine große Planungssicherheit", betont er. Und sie sei eine Investition in das Betriebsklima: "Diejenigen, die gehen, verlassen die Firma einigermaßen zufrieden." Sobald Differenzen rund um den Job auftauchten, zeigten sich deutsche Arbeitnehmer dagegen sehr klagefreudig. Das kann weitaus teurer werden als eine Turboprämie: Im Falle einer Niederlage vor Gericht summieren sich die Kosten für den Arbeitgeber je nach Streitwert schon ab der zweiten Instanz auf eine hohe vier- oder fünfstellige Summe - hinzu kommen die Kosten, die durch die Weiterbeschäftigung des Klägers entstehen.

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