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Debatte um Plagiatskontrollen : Nehmen wir es ja nicht zu genau!

Ein gedrucktes Exemplar der Dissertation von Annette Schavan mit dem Titel „Person und Gewissen“ steht in einer Bibliothek der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Bild: dapd

Was ein Plagiat ist, ist meistens eindeutig – die ethische Bewertung erst recht. Warum schwankt die Beurteilung dann in jedem Einzelfall? Die Wissenschaft bringt den Gedanken hervor, dass Wahrheit nicht auf Fußnoten beruhe.

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          Am 3. Januar verstarb im hohen Alter von 94 Jahren Marion Soreth, pensionierte Professorin der Philosophie an der Universität zu Köln. Von den sechs selbständigen Schriften Soreths in der Deutschen Nationalbibliothek haben drei das Werk einer Fachkollegin zum Gegenstand. Philosophen produzieren Sekundärliteratur zu Philosophen: Das ist akademische Normalität, und auch die Spezialisierung auf ein Gegenüber im schriftlichen Fachgespräch ist alltäglich. Dass eine Frau sich so gründlich mit einer anderen Frau beschäftigte, klingt nach feministischer Pionierarbeit. Das Ungewöhnliche des Projekts deutet der Titel der ersten der drei Monographien an: „Kritische Untersuchung von Elisabeth Strökers Dissertation über Zahl und Raum nebst einem Anhang zu ihrer Habilitationsschrift“. Ein ganzes Buch über eine Dissertation. Ein Buch zudem, das selbst aussieht wie eine Dissertation: Soreth brachte es im Selbstverlag heraus.

          Patrick Bahners

          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Nach einem berühmten Wort von Alfred North Whitehead besteht die europäische philosophische Tradition aus einer Serie von Fußnoten zu Platon. Soreth, die 1951 in Marburg mit einer Untersuchung der Echtheit des platonischen Dialogs Hippias maior promoviert worden war, führte den Nachweis, dass Elisabeth Ströker, Spezialistin für Edmund Husserl und Autorin einer in mehrere Sprachen übersetzten „Einführung in die Wissenschaftstheorie“, ihre Lizenz zum beglaubigten Fortschreiben der Tradition durch den Verzicht auf Fußnoten erworben hatte.

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