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Protest gegen Erdogan : Eine Uni widersetzt sich

  • -Aktualisiert am

Auch in Berlin versammeln sich Demonstrierende, um auf die Ernennung Melih Bulu als neuen Rektor der Bosporus-Universität aufmerksam zu machen. Bild: Jens Gyarmaty

Weil der türkische Präsident Erdogan einen Vertrauten als Rektor einer Elite-Uni ernannt hat, regt sich auch in Deutschland Protest. Die Demonstranten in Istanbul wie Berlin stecken aber in einem Dilemma.

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          Von diesem verschneiten Platz in Berlin-Kreuzberg ist die Bosporus-Universität in Istanbul mehr als 1700 Kilometer entfernt. Trotzdem demonstrieren sie seit sechs Wochen an jedem Samstag hier für eine Hochschule, an der sie gar nicht mehr sind oder noch nie waren. Um die 400 Menschen stehen vor Nihal Kalender in der Eiseskälte, als sie ihre Forderungen verliest: Der ernannte Rektor müsse zurücktreten, die Regierung mit den Hassreden aufhören und die verhafteten Studenten endlich freigelassen werden!

          Ihre Forderungen richten Kalender und ihre Mitstreiter vor allem an den türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan. Er hatte an der liberalen Istanbuler Elite-Universität seinen konservativen Gefolgsmann Melih Bulu zum Rektor ernannt. Der 51 Jahre alte Bulu ist Mitglied der Regierungspartei AKP. Die Angst, dass er die akademische Freiheit beschneidet, ist groß. Fast jeden Tag gibt es seitdem Proteste – in der Türkei, aber eben auch in deutschen Städten wie Berlin, Düsseldorf und Heidelberg. Erdogan bezeichnet die Teilnehmer als Terroristen, sein Innenminister nennt sie Perverse. Hunderte Demonstranten hat die Polizei in Istanbul schon festgenommen, einige unter Hausarrest gestellt. Die Bosporus-Universität ist damit zum Symbol des Widerstands geworden: Die liberal Denkenden in der Türkei versuchen, sich gegen die Macht des Präsidenten zu wehren, der seinen Einfluss immer weiter ausbauen will.

          „Alle an der Uni sind verängstigt. Deshalb wollen wir ihnen zeigen, dass wir bei ihnen sind“, sagt die 30 Jahre alte Nihal Kalender während der Versammlung in Berlin-Kreuzberg. Auf ihre Maske hat sie „Bosporus widersetzt sich“ geschrieben. Kalender hat vor acht Jahren an der Bosporus-Uni Politik studiert und lebt jetzt in Deutschland. Mit anderen Alumni hat sie die Kundgebung für ihre alte Uni organisiert. „Was dort passiert, ist jeden Tag in unseren Herzen und Köpfen“, sagt sie. Die Demonstranten in Berlin tragen schwarze Schilder mit den Namen der Verhafteten und Regenbogenflaggen. Besonders nach einer Ausstellung, die Aktivisten auf dem Campus der Bosporus-Uni veranstaltet hatten, griff die Polizei hart durch. In einem der zur Schau gestellten Werke war das muslimische Heiligtum Kaaba zusammen mit einer Regenbogenflagge, dem Symbol der Schwulen und Lesben, abgebildet.

          Studierende erhalten Unterstützung

          Nicht nur Studenten, auch viele Hochschullehrer beteiligen sich an den Protesten in der Türkei: In sozialen Netzwerken gibt es viele Fotos davon, wie sie sich in ihren blauen Roben mit dem Rücken zum Büro des neuen Rektors aufgestellt haben.

          Eine deutliche Mehrheit seiner Kollegen sei gegen die Ernennung, sagt Volkan Cidam. Er ist Assistenzprofessor für Politikwissenschaft an der Bosporus-Universität, macht aber gerade ein Sabbatical in Berlin. „Seine wissenschaftliche Leistung ist zweifelhaft. Es ist offensichtlich, dass es eine politisch motivierte Ernennung ist“, sagt Cidam über den neuen Rektor.

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          Erdogan geht schon seit Anfang 2016 immer härter gegen Wissenschaftler vor. Damals unterzeichneten viele von ihnen einen Aufruf für Frieden in den Kurdengebieten. Die Reaktion des Staates waren Festnahmen und Entlassungen. Nach dem gescheiterten Putsch wenige Monate später nutzte Erdogan Notstandsdekrete, um viele Kritiker aus dem Staatsdienst zu entfernen. Darunter waren auch mehrere tausend Hochschullehrer. Durch ein neues Wahlsystem kann Erdogan nun nach Belieben Rektoren ernennen. Vorher musste er zumindest in Teilen auf die Wahlen in den Hochschulen Rücksicht nehmen.

          „Unsere Befürchtungen über Bulu bewahrheiten sich sehr schnell“, sagt der Hochschullehrer Cidam. „Sie haben jetzt zwei Fakultäten eröffnet, und dort werden sie nur der AKP nahestehende Professoren einstellen. Es ist eine Gleichschaltungspolitik.“ Cidam persönlich fürchtet, in seiner Arbeit zensiert zu werden, und auch mit einer Beförderung werde es ab jetzt wohl schwierig werden.

          Emigrieren ist der letzte Ausweg

          In den Protesten schwingt auch die Wut über die schlechte wirtschaftliche Lage in der Türkei mit. Die Arbeitslosenquote liegt bei etwa 13 Prozent, und die Inflation wuchs im vergangenen Jahr auf 14,6 Prozent. Bei Neueinstellungen in Behörden und der AKP-nahen Wirtschaft geht es derweil immer weniger um Qualifikation und immer mehr darum, ob man der Regierungspartei folgt und Beziehungen hat.

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