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Professionelle Deformation : Wozu Flaubert?

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Gustave Flaubert Bild: Picture-Alliance

Viele Geisteswissenschaftler lesen nur noch Literatur, die zu ihrem wissenschaftlichen Interesse passt. Freie Lektüre über die Fachgrenzen hinaus gilt fast schon als Fauxpas. Die Folgen sind absehbar.

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          Geisteswissenschaftler lesen viel. Wer mit dieser Überzeugung heutzutage eine Karriere im Hochschulbetrieb beginnt, wird aus dem Staunen bald nicht mehr herauskommen. Zwar schleppen Doktoranden, Postdoktoranden und Drittmittelverwalter anscheinend ständig ihre halbe Bibliothek per Mobiltelefon oder Rucksack mit sich herum. Einen Fauxpas hingegen leistet sich aber, wer eingesteht, Bücher zu lesen, die mit der eigenen Arbeit nichts zu tun haben, und sich gar als Freund schöner Literatur outet.

          Als Benjamin-Forscher Proust zu lesen, mag angehen, jedoch in einer Anwandlung privater Mitteilungsfreude zu bekunden, man entdecke gerade Vladimir Nabokov für sich, provoziert die Nachfrage: „In welchem Zusammenhang beschäftigen Sie sich damit?“ Geisteswissenschaftler, deren Gegenstand nicht die Literatur ist, bescheiden dem Kollegen, der sich begeistert über Flaubert äußert, mit dem Satz: „Ich komme selten dazu, Belletristik zu lesen“, und selbst Germanisten lesen Kleist oder Kafka scheinbar nur noch, weil sie sich damit beschäftigen, und nicht, weil es sie beschäftigt.

          Die Ahnung davon, dass jeder professionellen Tätigkeit, die mehr ist als Sachbearbeitung, ein vorprofessioneller Impuls zugrunde liegt, wird allenfalls Studenten zugestanden, denen der modularisierte Studienbetrieb bald über ihre Naivität hinweghelfen wird.

          Tatsächlich drückt sich in der Abneigung gegen schöne Literatur eine Haltung zu Sprache aus, die die eigene Arbeit nicht unbeschädigt lässt. Die Verwandlung geistiger Tätigkeit in bloßen Vollzug, in deren Folge aus jeder Arbeit eine Auftragsarbeit wird, befördert eine Wissenschaftssprache, die jede Objekterfahrung, der sich das geistige Interesse einmal verdankte, neutralisiert. Wo aber der Gegenstand der Arbeit nicht zum Sprechen gebracht, sondern nur behandelt wird, teilt sich diese Indifferenz auch der Sprache selbst mit: Sie wird glatt, informierend und administrativ. Und was sie nicht zu fassen bekommt, das nennt sie Belletristik.

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