https://www.faz.net/aktuell/karriere-hochschule/proctorio-und-wiseflow-hochschulen-spaehen-studenten-aus-17455837.html

Online-Klausuren : Universitäten spähen Studenten mit Software aus

Dennoch kommen solche Programme vielerorts zum Einsatz. Die Technische Universität Darmstadt beispielsweise nutzt die Software Proctorio, die in diesem Jahr den Big Brother Award des Vereins Digitalcourage erhielt. Der Verein zeichnet damit jedes Jahr Unternehmen aus, die die Privatsphäre ihrer Nutzer in besonderem Maße einschränken. Auf eine Anfrage dieser Zeitung teilte ein Sprecher der Universität mit, dass die Software bislang bei vier Klausuren mit hoher Teilnehmerzahl zum Einsatz gekommen sei. In der Regel versuche man jedoch, auf andere Klausurformate auszuweichen. Zudem liege die finale Entscheidung über einen vermeintlichen Täuschungsversuch immer beim Prüfer, nicht bei dem Programm.

An der Universität Erfurt wird das Programm Wiseflow des dänischen Herstellers Uniwise eingesetzt. Auf Nachfrage teilte eine Sprecherin dieser Zeitung schriftlich mit, das Programm werde von den Studenten sehr gut angenommen. Außerdem nutze man die Software „mit Genehmigung des obersten Thüringer Datenschutzbeauftragten“. Ferner heißt es: „Es wird überdies niemand gezwungen, seine Prüfung online zu Hause und überwacht zu schreiben. Man kann die Prüfung nach Rücksprache mit dem Dozenten auch online ohne Kamera (aber unter Aufsicht) vor Ort auf dem Campus (oder alternativ in einem späteren Semester) ablegen.“ Doch wie freiwillig kann ein Student diese Entscheidung derzeit treffen, wenn die einzige Möglichkeit einer infektionsschutzkonformen und überwachungsfreien Klausur in einer Zukunft nach der Pandemie liegt?

KI hat ein Problem mit Schwarzen und Frauen

Die Pressestelle weist zudem auf die Datenschutzerklärung zur Nutzung von Wiseflow hin, die auf der Website der Universität Erfurt zugänglich ist. In dieser heißt es, dass das Programm die Gesichtserkennungssoftware Rekognition des amerikanischen Konzerns Amazon verwende. Rekognition wurde in den Vereinigten Staaten von Bürgerrechtsorganisationen kritisiert. Laut einer Studie des Massachusetts Institute of Technology von 2019 hat das Programm Schwierigkeiten, Schwarze und Frauen zu erkennen.

Bei der datenschutzkonformen Organisation der digitalen Prüfungsaufsicht betraten viele Universitäten zweifellos Neuland. Vielerorts finden sich in den Prüfungsordnungen und den Landeshochschulgesetzen schlichtweg keine expliziten Formulierungen, wie zu verfahren sei. Lediglich Bayern, Baden-Württemberg und Hessen haben bislang Rechtsgrundlagen geschaffen, welche die Aufsicht von Klausuren im Netz regeln. Die bayerische Fernprüfungserprobungsverordnung beispielsweise erlaubt Proctoring-Software nur unter bestimmten Voraussetzungen. So dürfe die Funktionsfähigkeit des Computers des Prüfungsteilnehmers während der Klausur „nur in dem zur Sicherstellung der Authentifizierung sowie der Unterbindung von Täuschungshandlungen notwendigen Maße beeinträchtigt“ werden. Auch die Vertraulichkeit der auf dem Rechner befindlichen Daten und die Informationssicherheit dürfe zu keinem Zeitpunkt beeinträchtigt werden. In ihrem Gutachten kommt die Gesellschaft für Freiheitsrechte jedoch zu dem Schluss, dass es „mehr als unwahrscheinlich“ sei, dass eine Proctoring-Software diese Anforderungen erfülle.

Schwartmann zufolge gäbe es häufig eine bessere Möglichkeit, bei den in der Pandemie durchgeführten Prüfungen Leistungskontrolle, Chancengleichheit und Infektionsschutz miteinander zu verbinden. Er empfiehlt, wann immer das die Aufgabenstellung ermöglicht, sogenannte Open-Book-Tests durchzuführen, bei denen die Studenten in einem gemeinsamen Zeitfenster dieselben Fragestellungen zu Hause bearbeiten. Dabei dürfen sie, wie bei einer Hausarbeit, alle zugelassenen Hilfsmittel und Informationsquellen verwenden, nicht aber in Gruppen zusammenarbeiten.

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