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Neues zu den Hohenzollern : Prinz im Fatherland

Wilhelm II. Bild: Picture-Alliance

Die Historikerin Karina Urbach hat die amerikanischen Kontakte der einstigen Herrscherfamilie in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht. Deutlich tritt dabei nicht nur der Antisemitismus Wilhelms II. hervor.

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          Die letzte Verlautbarung aus den Verhandlungen des Bundes mit dem Haus Hohenzollern über dessen Entschädigungs- und Rückerstattungsansprüche war unmissverständlich: Man ist sich einig, dass man sich nicht einig ist. Seitdem wartet man vergebens auf Neuigkeiten aus den nichtöffentlichen Gesprächen, in denen nicht zuletzt die öffentliche Darstellung der jüngeren deutschen Geschichte auf dem Spiel steht. Das muss die Geschichtswissenschaft aber nicht daran hindern, ihrer Aufgabe nachzugehen, Licht ins Dunkel der Vergangenheit zu bringen. Es gibt über die Hohenzollern immer noch etwas zu wissen, das bislang kaum jemand gewusst hat.

          Andreas  Kilb

          Feuilletonkorrespondent in Berlin.

          In einem Beitrag für den von Thomas Biskup, Truc Vu Minh und Jürgen Luh herausgegebenen Tagungsband „Preußendämmerung. Die Abdankung der Hohenzollern und das Ende Preußens“, der in diesen Tagen auf der Internetplattform perspectivia.net veröffentlicht wird, hat die in Princeton lebende Historikerin Karina Urbach die amerikanischen Kontakte der einstigen Herrscherfamilie in der Zeit des Nationalsozialismus untersucht. Im Mittelpunkt stehen dabei der abgedankte Kaiser Wilhelm II. und sein Enkel Louis Ferdinand (1907 bis 1994). Ein gemeinsamer Freund der beiden war der Publizist Poultney Bigelow (1854 bis 1955), Sohn eines einflussreichen republikanischen Politikers und Zeitungszaren. Wilhelm und Bigelow hatten sich in gemeinsamen Schuljahren in Potsdam kennen- und schätzen gelernt. Nach Wilhelms Thronbesteigung wurde Bigelow zum kaiserlichen Propagandisten in den Vereinigten Staaten.

          Im Ersten Weltkrieg entzweiten sich die Schulfreunde für kurze Zeit, doch nach dem Sturz der Monarchie setzte Bigelow sein kaisertreues Schrifttum mit Veröffentlichungen wie „Genserich, King of the Vandals and the First Prussian Kaiser“ und „Prussianism and Pacifism“ fort. Mehrmals besuchte er den Ex-Kaiser in dessen Exil in Doorn, und bis kurz vor Wilhelms Tod im Jahr 1941 korrespondierten die beiden miteinander. In ihren Briefen ging es immer wieder um die drei zentralen Feindbilder Wilhelms und Bigelows, den Bolschewismus, die „schwarze Rasse“ und das Judentum. „Die ganze farbige Welt – gelb, schwarz – ist in Aufruhr und formiert sich gegen Weiß“, schrieb Wilhelm 1935 nach New York. Für „Juden und Mücken“ hatte er schon acht Jahre zuvor ein Vernichtungsrezept erstellt: „Ich glaube das Beste wäre Gas.“

          Besucher aus der Wissenschaft

          Bigelow wiederum hatte beste Kontakte zu bekannten amerikanischen Antisemiten wie Henry Ford, dem Gründer der Autofirma und Herausgeber von Hetzschriften wie „Der internationale Jude“. Diese Verbindung nutzte er im Jahr 1929, um Wilhelms Enkel Louis Ferdinand bei Ford einzuführen. Der Kaiser, so Bigelow, halte Ford für wichtiger „als jeden anderen“ in Amerika, außerdem hasse „die Judenpresse“ die Hohenzollern. Der Appell wirkte, Ford wurde Louis Ferdinands Arbeitgeber und Mentor und später zum Patenonkel von dessen zweitem Sohn. Als der Kaiserenkel 1933 nach Deutschland zurückkehrte, besorgte er sich eine Audienz bei Hitler, um für Fords unternehmerische Expansionspläne zu werben. Der „Führer“ indessen speiste den Gast mit Floskeln ab, seine Liebe galt Mercedes-Benz.

          Ein weiterer bedeutender Zeitgenosse, dem Bigelow seinen Schützling vorstellte, war Franklin D. Roosevelt. Der amerikanische Präsident nutzte die Bekanntschaft mit dem jungen Hohenzollern, um Neuigkeiten aus Deutschland zu erfahren, und Louis Ferdinand enttäuschte ihn nicht. Im August 1933 unterrichtete er ihn auf Englisch über „die großen Entwicklungen, die eine neue Ära im Vaterland heraufgeführt haben. (...) Es war eine der größten Genugtuungen meines ganzen Lebens, als ich Zeuge von Hitlers historischer Rede im Reichstag wurde.“ In Louis Ferdinands Memoiren, die 1952 und 1985 in verschiedenen Versionen erschienen, kommt dieser Brief nicht vor. Stattdessen schildert der Autor, wie ihn Roosevelt 1938 gebeten habe, sich „vorsichtig und ganz persönlich bei Ribbentrop“ zu erkundigen, was dieser von einem Treffen mit Hitler, Mussolini und Chamberlain „etwa auf den Azoren“ hielte. Statt als willigen Herold der neuen Machthaber im „Fatherland“ sah sich Louis Ferdinand hinterher lieber als diplomatischen Vermittler zwischen den Großmächten. Aus dem geplanten Treffen war freilich nichts geworden.

          Karina Urbach hat ihre Quellen in amerikanischen Archiven gefunden. Ihre kürzlich in einem Interview geäußerte Behauptung, das Hausarchiv der Hohenzollern stehe der Forschung nicht offen, führte zu einer Gegendarstellung in der „Berliner Zeitung“. Zwei Tage später schilderte der britische Historiker und Biograph Wilhelms II. John Röhl in derselben Zeitung seine Erfahrungen mit der Zugänglichkeit der Hohenzollern-Dokumente Anfang der achtziger Jahre. In einem Hechinger Schlossturm hatte Röhl „siebzehn Stapel Papiere“ gesichtet; seine Erkenntnisse machte er auf einer Konferenz und in einem Buch publik. Als er mit einem Kamerateam nach Hechingen zurückkehrte, um Aufnahmen für die BBC zu machen, wurde ihm der Zutritt zum Archiv verweigert. Daraus könne man, so Röhl, „keine Rückschlüsse auf die heutigen Archivverhältnisse“ ziehen. Dennoch darf man gespannt sein, wie liberal die Hohenzollern mit künftigen Besuchern aus der Wissenschaft umgehen, jetzt, da ihr historisches Ansehen zur Angelegenheit von Anwälten geworden ist.

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