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Hochschulen in Corona-Starre : Die beleidigende Begrenztheit der digitalen Lehre

  • -Aktualisiert am

Hauptsächlich online: Das soll die Zukunft der Hochschule sein? Bild: dpa

Die Verfechter der digitalen Lehre verkennen, dass sie Teil einer einzigen Sparmaßnahme sind. Sie ergötzen sich an Tools – weil deren Fassungsvermögen nicht inhaltlich erwogen werden muss. Ein Gastbeitrag.

          3 Min.

          Seit Mitte März haben die deutschen Studierenden Online-Lehre. Dozenten werden immer besser darin, zu präsentieren, elegant zwischen den diversen Plattformen zu switchen und interaktive Tools zu nutzen. Doch etwas fehlt, das Wesentliche, nämlich die Präsenz. Jetzt zeigt sich die Kraft des dialogischen Lernens, und hier führt der Weg direkt von digitalen Diskursen über Habermas und Lerntheoretiker  wie Ruf und Gallin zu Sokrates. Seine Lehre in den „Dialogen“ ist subjektorientiert und inhaltsorientiert –  insofern hat sie durchaus etwas von der oft geschmähten Dienstleistung.

          Aber ist Lehre nicht immer auch Dienst, Dienst am Menschen? Das tägliche, wöchentliche Ringen darum, dass das Gegenüber den Wert und die Sinnhaftigkeit der komplexen vermittelten Inhalte begreife – und, wenn wir von Fachhochschulen,  sprechen, auch anwende? Dialogisches Lernen ist permanenter Austausch, ist ein Prozess. Und für diesen Prozess braucht es, das zeigen neuere lerntheoretische Studien, den ganzen Menschen, kurz: die Präsenz. Die ist fordernd – physisch und psychisch.

          Die Heroen der Online-Lehre an den Hochschulen, gelegentlich diskret gefördert von vermeintlich philantropischen Unternehmen wie Google et al., behaupten, die Speerspitze einer Bewegung zu sein. Doch, ob willentlich oder nicht, leisten sie der Entwicklung Vorschub, dass Hochschulen nur noch Absender formatierter Lern-Units sind, die man häppchenweise, je nach Bedarf und Zahlbereitschaft, versenden, streamen oder zum nicht-linearen, individuellen Abruf bereitstellen kann. Die vorläufig eher rhetorisch als technisch hochgerüstete, übrigens meist männliche Avantgarde stört sich nicht weiter daran, dass sie eigentlich eine einzige Sparmaßnahme ist; ihre Ökonomisierbarkeit betrachtet sie als Wettbewerbsvorteil. Sie ergötzt sich an Tools, weil deren Fassungsvermögen vor allem technisch definiert ist, nicht inhaltlich erwogen werden muss. Ja, Online macht fit und gleichzeitig – faul.

          Der Professor ist kein überirdisches Wesen mehr

          Warum ist den Hardcore-Onlinern eigentlich bislang nicht aufgefallen, dass bei Marketing- und Medienmodulen – für meinen Fachbereich kann ich das sagen – nahezu alle hippen Erfolgsformate analog sind? Das verbindet den Design Thinking Workshop mit Diskussionsformaten wie Fish Bowl und Open Space oder Brand Sprints. Natürlich, für den Betrachter ist es gelegentlich kurios zu sehen, mit welcher Hingabe erwachsene Menschen zeichnen und scribblen, Post-its aufkleben und oft eher lustige als tatsächlich wegweisende Prototypen möglicher Produkte basteln. Aber: Alle arbeiten zusammen, alle sind fasziniert vom Haptischen. Und immer ist die Arbeit analog – selbst, wenn digitale Produkte entwickelt werden.

          Es ist offensichtlich: Wir müssen uns zusammensetzen, um uns auseinanderzusetzen. Die Kommunikationsmittel der Präsenz machen den entscheidenden Unterschied und sind überdies eine Grundlage von Lehr-Beziehungen. Hatties berühmtes „Know thy impact“ (etwa: „Kenne deinen Einfluss“) ist online kaum vorstellbar. Die digitale Lehre, zu der wir genötigt sind, geht zu Lasten der Subtilität. Die feinen Unterschiede trennen durchschnittliche Lerneinheiten von faszinierender Lehre. Die Chance, spontan zu reagieren, wenn man in reihenweise ratlose oder gar gleichgültige Gesichter sieht.  Die Modulations-Möglichkeiten der Stimme – bei digitaler Übertragung oft grotesk verzerrt. Die ganz anderen Möglichkeiten, Pausen zu setzen, zu spüren, wie sich Stoff setzt, wie also aus einem Informationswirbel allmählich Substanz wird.

          Der Professor ist im dialogischen Lernen kein überirdisches Wesen mehr, das jederzeit Überlegenheit ausstrahlen muss. Er oder sie steht für das Fach und hat niemals aufgehört, sich wissenschaftlich damit auseinanderzusetzen. Bei dieser Auseinandersetzung helfen ihm auch die Fragen und Anmerkungen der Studierenden, und er setzt leidenschaftlich darauf, dass im Prozess der Lehre tatsächlich neue Erkenntnisse gewonnen werden können. Er steht übrigens auch außerhalb der reinen Seminarstunden zur Verfügung – aber hat man je nach dem Ende einer Online-Vorlesung von einem Studenten die Frage gehört: „Entschuldigung, hätten Sie noch einen Augenblick ...?“

          Die digitale Lehre mit ihrer beleidigenden Begrenztheit auf die lächerlichen Bildschirmmaße durchschnittlicher Notebooks war notwendig, ist aber unzureichend. Und sie führt uns täglich buchstäblich vor Augen, was das eigentlich zentrale Element der universitären Lehre ist: die Präsenz. Sie zurückzuerobern sollte vornehmes Ziel für alle Lehrenden sein.

          Prof. Dr. Gabriela Jaskulla lehrt Journalismus und Medienpsychologie an der Fachhochschule des Mittelstands. Sie ist die wissenschaftliche Leiterin des Campus’ in Hannover.

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