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Postkoloniale Kritik : Wissenschaft im Gesinnungstest

  • -Aktualisiert am

Gegenstand postkolonialer Kritik: Isaac Newton Bild: Picture-Alliance

Große Naturwissenschaftler von Darwin bis Newton werden seit kurzem einer postkolonialen Kritik unterzogen. Auf wissenschaftliche Kriterien wird dabei wenig Rücksicht genommen.

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          An britischen Universitäten werden derzeit, wie kürzlich beschrieben, naturwissenschaftliche Größen von Isaac Newton bis Carl von Linné einer rassismuskritischen Inspektion unterzogen. Newton beispielsweise wird vorgeworfen, als Aktienbesitzer vom Kolonialismus seiner Zeit profitiert zu haben. In manchen Schulen soll man nun nicht mehr von Newtons Gesetzen sprechen, schreibt Anna Krylov im Journal of Physical Chemistry Letters. Die Chemieprofessorin von der University of Southern California fühlt sich an ihre Vergangenheit im Kommunismus erinnert, wo ständig Namen ausgetauscht wurden oder beschwiegen werden mussten, was sogar ganze Wissenschaftszweige betraf. Für den unter Stalin sehr einflussreichen Agrarwissenschaftler und Wissenschaftsfunktionär Trofim Denissowitsch Lyssenko war die gesamte Genetik kapitalistisches Teufelszeug.

          Seine eigenen nach sozialistischen Prinzipien betriebenen Pflanzenexperimente brachten Hunderttausenden Menschen den Hungertod. Das Beispiel zeigt im Extrem, welchen Schaden ideologische Vereinnahmung der Wissenschaft (und der Bevölkerung) zufügen kann. Der Wissenschaftspublizist Philip Ball hält Krylov im selben Journal entgegen, die Wissenschaft möge sich nicht weiter Selbsttäuschungen hingeben und sich endlich als die politische Kraft wahrnehmen, die sie schon immer gewesen sei. Gilt das auch für die Milzforschung oder die Materialwissenschaft? Balls Schlussfolgerung, das Politische sei der Wissenschaft inhärent, belässt dieser ebenso wenig eine eigene Erkenntnissphäre wie jene rassismuskritischen Aktivisten, die sie als reines Machtunternehmen definieren.

          Man darf sich dann nicht wundern, wenn sie an fremden und keineswegs selbst über jeden Zweifel erhabenen Maßstäben gemessen wird. Die zunehmende Politisierung kommt in den universitären Leitbildern zum Ausdruck, in denen es viel um ethische Ziele wie Antirassismus und Diversität und kaum noch um genuin wissenschaftliche wie Bildung und Erkenntnis mehr geht. Sie spiegelt sich auch in der Entscheidung der Deutschen For­schungs­gemeinschaft wider, die Be­willigung von Forschungsanträgen von Maßnahmen zu Gleichstellung und Diversität abhängig zu machen.

          Vor dem Zugang zu Fördergeldern steht der Nachweis der moralischen Sauberkeit. Ist man noch sauber, wenn man von Quantensuprematie spricht? Autoren der Zeitschrift Nature wollen den Begriff durch Quantenvorteil ersetzen, um sensible Gemüter nicht zu verschrecken. Anders als be­hauptet berührt die „neue Moral“ nicht nur die institutionelle Außenseite der Wissenschaft, sie legt sich wie ein Film über ihren epistemischen Kern.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

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