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Pilotprojekt in Vietnam : Berufsbildung made in Germany

Phan Thi Hai, Schülerin am Lilama-2-College Bild: Thomas Imo/photothek.net

Vietnams Wirtschaft wächst rasant. Doch es fehlen Fachkräfte. Jetzt ist die duale Ausbildung nach deutschem Vorbild im Trend. Ein Schulbesuch mit der 21 Jahre alten Phan Thi Hai.

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          Phan Thi Hai hatte schon als Kind andere Pläne als die Mädchen in ihrem Alter. Ihre Freundinnen träumten von einem Arbeitsplatz in Büros mit Klimaanlagen oder von einer Karriere in der Welt der Mode und der Kosmetik. Phan wollte mit Maschinen arbeiten. Heute ist sie 21 Jahre alt und hat ihr Ziel erreicht: Sie trägt einen grauen Overall, ihre schwarzen Haare sind kurz geschnitten, die Lippen ganz dezent rot geschminkt. Konzentriert steht sie vor einem Gerät mit unglaublich vielen Schläuchen, Knöpfen und Kabeln, drückt auf einem Bildschirm herum und lässt einen Gegenstand, der aussieht wie eine Art Mini-Eishockey-Puck, in eine Röhre fallen. Der Computer piept, es verschieben sich ein paar Riegel, und die Scheibe plumpst auf ein Laufband. Dann wird sie auf eine von drei kleinen Rutschen gestoßen und landet mit einem lauten Klackern im Ziel.

          Jessica von Blazekovic

          Redakteurin in der Wirtschaft.

          Phan macht eine Ausbildung zur Mechatronikerin, die Übung an dieser Test-Abfüllanlage soll ihr beibringen, wie automatisierte Prozesse funktionieren. „Das ist das Beste an meiner Ausbildung“, sagt Phan. „Direkt an Geräten arbeiten, wie sie auch in den Fabriken stehen.“

          Was in Deutschland dank der dualen Ausbildung in Berufsschule und Betrieb eine Selbstverständlichkeit ist, kommt im vietnamesischen Ausbildungssystem so gut wie nicht vor. An den rund 2000 Berufsschulen des Landes lernen die mehr als zwei Millionen Schülerinnen und Schüler viel trockene Theorie und wenig lebendige Praxis. „Die Berufsausbildung in Vietnam ist traditionell sehr verschult“, sagt Jürgen Hartwig, Programmdirektor für Berufsbildung bei der Gesellschaft für internationale Zusammenarbeit (GIZ) in Vietnam. Im Auftrag des Bundesministeriums für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ) unterstützen Hartwig und sein Team die vietnamesische Regierung dabei, ein duales Berufsausbildungssystem nach deutschem Vorbild aufzubauen. In Vietnam zähle nur die akademische Ausbildung, ein Drittel der Schulabgänger trete außerdem sofort in den Arbeitsmarkt ein – meist in der Landwirtschaft oder im informellen Sektor. Was fehle, seien gut ausgebildete Fachkräfte.

          Mehr Knowhow für die Mitarbeiter

          Nur 22 Prozent der vietnamesischen Erwerbsbevölkerung haben eine qualifizierte Berufsausbildung, die Zusammenarbeit zwischen Berufsschulen und Unternehmen läuft schleppend, die Lehrpläne sind veraltet. Für Vietnam wird das zunehmend zum Problem. Die Wirtschaft der 95 Millionen Einwohner großen südostasiatischen Nation läuft auf Hochtouren, wächst zwischen sechs und sieben Prozent je Jahr. Inzwischen gilt Vietnam nicht mehr als Entwicklungsland, sondern als Land mit niedrigen mittleren Einkommen. Die Kommunistische Partei plant den wirtschaftlichen Aufstieg auf dem Reißbrett: Überall entstehen neue Wirtschaftszentren, werden moderne Bürogebäude aus dem Boden gestampft und neue Straßen gebaut.

          „Die Erfolgsstory Vietnams in Wirtschaft, Entwicklung und Armutsbekämpfung kann nur weitergehen, wenn Vietnams Unternehmen die Produktivität und das Knowhow ihrer Mitarbeiter steigern – und dafür ist eine moderne und an den Bedarf der Wirtschaft ausgerichtete Berufsbildung unverzichtbar“, sagt Bundesentwicklungsminister Gerd Müller. Auch für die Attraktivität als Wirtschaftsstandort hat der Personalmangel Nachteile: „Investoren suchen nach Menschen mit Kompetenzen, die internationale Standards erfüllen, bis hin zu Industrie 4.0“, sagt Hartwig. Vietnam ist unter ausländischen Konzernen sehr beliebt, der südkoreanische Elektronikkonzern Samsung etwa ist größter Arbeitgeber im Land.

          Fündig könnten die Unternehmen bald in einer Berufsschule in der Provinz Dong Nai werden, dort, wo auch Phan ihre Ausbildung zur Mechatronikerin macht. Eine gute Autostunde von der Industriemetropole Ho-Tschi-Minh-Stadt (ehemals Saigon) entfernt liegt das Berufsbildungsinstitut Lilama 2, benannt nach einem vietnamesischen Baukonzern, der die Schule im Jahr 1986 gegründet hat. Seit dem Jahr 2016 ist die Einrichtung unabhängig.

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