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Businesslook : Perfekt fürs Büro gekleidet

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Gesellschaftlicher Wandel als Ursache

Wissenschaftlich erwiesen ist, dass die Kleidung einen Einfluss darauf hat, wie wir auf andere wirken. Formell gekleidete Personen werden als kompetent, verlässlich und vertrauenswürdig, aber auch als selbstbewusst und erfolgreich wahrgenommen. Gleichzeitig hat die Kleidung auch Einfluss auf das Denken und Arbeiten des Trägers selbst. So haben Forscher der California State University in Northridge 2015 herausgefunden, dass Menschen umso abstrakter denken konnten und sich „mächtiger“ fühlten, je formeller sie angezogen waren. In formeller Kleidung wirkt man aber auch distanzierter und unpersönlicher – was nicht gerade förderlich für ein Arbeiten auf Augenhöhe im Team ist. Ein Casual-Look hingegen symbolisiert Individualität, Teamfähigkeit und Kreativität. Deshalb darf beim Münchner Start-up Pro Glove, das sich auf industriell nutzbare Wearables spezialisiert hat, jeder Mitarbeiter anziehen, was ihm gefällt – selbst wenn es zu einem Treffen mit dem Vorstand eines großen Konzerns geht. Pro-Glove-Sprecher Tarek Ouertani ist sich dessen bewusst, dass sie mit ihrer lockeren Kleidung und Umgangsformen einen „Gegenpol zum Kunden bilden. Wir repräsentieren ein cooles, innovatives Produkt und brauchen uns daher auch nicht den Zwängen, die in der Industrie herrschen, zu unterwerfen. Außerdem überträgt sich sofort eine gewisse Entspanntheit auf den Gesprächspartner, wenn wir uns in Alltagskleidung und mit Vornamen vorstellen.“

Vor allem jüngeren Menschen gefällt diese Ungezwungenheit. Ein Grund dafür, warum sich immer mehr traditionelle Unternehmen ein wenig dieser Start-up-Lässigkeit selbst verordnen. Im Rahmen eines Wandels der Unternehmenskultur, die von einem stärkeren Wir-Gefühl geprägt ist, lockern sie auch ihre Kleidungsregeln. Carina Braun, Professorin an der Ostbayerischen Technischen Hochschule Regensburg mit dem Schwerpunkt Personalmanagement, erläutert die Hintergründe: „Insbesondere die junge Generation legt weniger Wert auf Gehalt und Karrierechancen, sondern will sich mit dem Unternehmen identifizieren können. Formale Kleidervorschriften schrecken deshalb eher ab. ‚Casual fit‘ gibt den Freiraum, durch Kleidung Individualität ausdrücken zu können. Und es symbolisiert weniger Bürokratie, weniger Vorgabe, weniger Hierarchie, vielmehr Kreativität, Innovation und Freigeist – Aspekte, auf die junge Bewerber heute mehr achten als früher.“ Weil auch die Führungskräfte inzwischen jünger und auch dynamischer und offener im Miteinander sind und den neuen Stil tagtäglich vorleben, verändern sich die Organisationen schleichend und mit ihnen die Businesskleidung.

Typisch Start-up: Bei dem Münchner Start-up-Unternehmen Pro Glove kommen die Kollegen in ihren Lieblingsoutfits. Eine Kleiderordnung gib es in dem Sinne nicht.

Ein weiterer Aspekt: Unternehmen agieren heute noch viel internationaler als früher, und die Arbeitswelten werden durchlässiger. Konzerne suchen die Kooperationen mit Start-ups. Im Zusammentreffen unterschiedlicher Kulturen und Umgangsformen gleichen sich die Partner automatisch an. Das ganz Formale und Strenge weicht einem etwas lockereren Umgang. „Außerdem können die Leute heute online von überall arbeiten, ob das nun auf dem Jungfernstieg in Hamburg oder auf den Jungferninseln ist. Dazu passt keine steife Klamotte“, betont Stilexpertin Stefanie Diller.

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