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Wolfgang Kraushaar zum 70. : Wie alles anfing und weiterging und an kein Ende kam

Bild: action press

In diesem Jubiläumsjahr hat der Hamburger Sozialwissenschaftler Hochkonjunktur. Wolfgang Kraushaar ist der Protest-Chronist, der Achtundsechzig aus den Quellen erklärt. Heute wird er siebzig Jahre alt.

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          Wer ihn verpasst hat, braucht nicht in Panik zu verfallen. Zeit, jener Rohstoff des historischen Grübelns, dessen Knappheit für so viele geschichtsphilosophisch induzierte Kurzschlusshandlungen gesorgt hat, ist genug da. Für die verbleibenden vier Monate des Achtundsechziger-Jubiläumsjahres kündigt der Hamburger Sozialwissenschaftler Wolfgang Kraushaar 25 Vorträge, Lesungen und Podiumsauftritte zum Thema an – im Vergleich zu 29 in den ersten acht Monaten absolvierten Terminen wird noch einmal eine Verdichtung der Ereignisse eintreten, fast wie im Wunderjahr selbst, damals allerdings in der ersten Jahreshälfte. Kraushaar ist auf dem Marsch durch die Bildungsinstitutionen – und er lädt uns alle ein!

          Patrick Bahners
          Feuilletonkorrespondent in Köln und zuständig für „Geisteswissenschaften“.

          Beim Rotary-Club in Hamburg-Altona dürfte es mit den Chancen auf demokratische Partizipation nicht weit her sein, aber im Rudolf-Alexander-Schröder-Haus in Würzburg wird man den bildungsaristokratischen Präferenzen des Patrons zum Trotz dem gemeinen Wissbegierigen nicht die Tür weisen. Eine eigene Sparte der volksaufklärerischen Aktivität des Vortragsreiseunternehmers Kraushaar sind Auftritte in den Sälen des Konzerns Augustinum – in Braunschweig, Kassel, Mölln und Überlingen war er 2018 schon zu Gast, in Hamburg, Aumühle und Stuttgart-Sillenbuch wird er noch Station machen. Dass kein Besuch in München-Großhadern terminiert ist, kann nichts damit zu tun haben, dass Kraushaar die Konfrontation mit dem dort wohnhaften Hans-Jochen Vogel scheuen würde, dem Justizminister der Kabinette Brandt und Schmidt, denen Kraushaar als Historiker der RAF seine kritische Aufmerksamkeit gewidmet hat. Kraushaar ist ebenso streitbar wie der 22 Jahre ältere Vogel und gewöhnlich fast so gut vorbereitet.

          Wenn Kraushaar, der in Frankfurt Asta-Vorsitzender war und seit 1987 am Hamburger Institut für Sozialforschung forscht, auf seine Altersgenossen trifft, kann die Ruhe, in die sich die Bewohner eines Augustinums einkaufen, nicht immer gewahrt bleiben. Nachdem Kraushaar 1998 in einem Aufsatz in dieser Zeitung erste Erkenntnisse über den Einfluss der DDR auf die Studentenbewegung dargelegt hatte, hieß es im Leserbrief eines Mitgemeinten: „Was immer Kraushaar in irgendwelchen dubiosen Archivmaterialien gefunden haben mag – es ist hanebüchen, so etwas als Ergebnis ,historischer Forschung‘ auszubreiten.“ Die Öffentlichkeit der Bundesrepublik (als republikanischer Patriot empfiehlt Kraushaar, den ersten Teil des Staatsnamens als Kurzbezeichnung zu verwenden) hat sich von solchen denunziatorischen Ablenkungsmanövern nicht beirren lassen. Dubios sind die oft kriminellen Vorgänge, die Kraushaar dokumentiert; aber seine Archivalien sind echt und sehr oft unbekannt, darunter vielleicht auch Blätter, die ihm nach einer Visite im Augustinum ein Kommilitone zugesteckt hat.

          So hat der Zeitzeuge, der das Nachdenken über die eigene Generationserfahrung zum Beruf des Chronisten gemacht hat, als Erklärer von Achtundsechzig eine Autorität erworben, mit der sich wohl nur die des Fußball-Experten Günter Netzer vergleichen lässt. Auch nach seinem siebzigsten Geburtstag am morgigen Sonntag wird Wolfgang Kraushaar immer wieder unermüdlich zurückkehren in die Tiefe des Zeitraumes, aus dem er gekommen ist.

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