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Palliativmedizin : In Würde gehen

  • -Aktualisiert am

Besonders psychische Widerstandsfähigkeit ist ein wichtiger Faktor beim Umgang mit unheilbar kranken Patienten. Bild: Picture-Alliance

In Aachen lernen Medizinstudierende und Pflegeschüler gemeinsam, Patienten mit unheilbaren Krankheiten zu begleiten. Besonders Rollenspiele helfen dabei, schwierige Situation als Team zu meistern.

          2 Min.

          Palliativmedizin nennt sich die Strategie, einen Patienten mit einer unheilbaren Krankheit zu begleiten. Für Ärzte und Pflegende ist das eine große Herausforderung. Sie müssen spüren, was dem Patienten kurz vor seinem Tode wichtig ist und mit welchen Maßnahmen sie ihn und seine Angehörigen am besten unterstützen können. So etwas lässt sich nur in einem Team meistern. Wie das geht, lernen seit kurzem Medizinstudierende und Pflege-Auszubildende der Uniklinik Aachen gemeinsam. Das Projekt heißt Opteamal, teilnehmen können Studierende vom 5. bis zum 9. Semester und Pflegeschüler im 2. und 3. Ausbildungsjahr. Opteamal steht für „Optimales Teamwork in der Lehre“ und besteht aus sechs freiwilligen Kursmodulen, jedes dauert einen halben Tag. Die ersten Module fanden in der Uniklinik statt, zurzeit wird aufgrund der Corona-Pandemie online unterrichtet.

          In Rollenspielen lernen die jungen Menschen, wie sie einen Patienten – einen 63 Jahre alten Mann mit unheilbarem Krebs in der Zunge – palliativ betreuen würden. So spielt etwa in einem Modul ein Pflegeschüler den Arzt, der dem Patienten und seiner Ehefrau – gespielt von Medizinstudentinnen – die Diagnose erklärt und was es bedeutet, dass er nicht geheilt werden kann. Die Teilnehmer geben jeweils Rückmeldung, wie sie sich in ihrer Rolle gefühlt haben. In einem Kursmodul geht es um die Verarbeitung der Krankheit, in einem weiteren um Trauer. Wie kann ich dem Patienten helfen, trotz der furchtbaren Diagnose noch Positives am Leben zu sehen? Wie kann ich ihn und die Angehörigen unterstützen, die Diagnose zu akzeptieren und Abschied zu nehmen?

          Der Teamgedanke ist essentiell

          Ärzte und Pflegende hätten oftmals eine unterschiedliche Wahrnehmung, sagt Roman Rolke, Direktor der Klinik für Palliativmedizin in der Uniklinik Aachen und Projektleiter von Opteamal. Pflegekräfte sehen den Betroffenen häufiger und spüren, wenn der Tod naht und dass die Angehörigen zu informieren sind. „Mediziner tendieren dagegen häufig dazu, mit der Therapie weiterzumachen. Das erzeugt Spannung auf der Station.“ Im Kurs lernen Studierende und Pflegeschüler, die Einschätzung des anderen respektvoll anzuhören und Patient und Angehörigen einen Vorschlag zu unterbreiten – etwa, dass man überlegen könne, ob der Betroffene nicht lieber zu Hause sterben wolle.

          „Ich finde die Idee genial, angehende Pflegekräfte und Ärzte gemeinsam auszubilden“, sagt Lukas Radbruch, Präsident der Deutschen Gesellschaft für Palliativmedizin und Chef-Palliativmediziner im Uniklinikum Bochum. „Alle sprechen von Teamarbeit, aber im Alltag wird das kaum gelebt.“ Eine große Hürde dabei sei, dass Pflegende der Pflegedirektion unterstünden und Ärzte dem ärztlichen Direktor. „Wie soll ich denn ein gut funktionierendes Team zusammenstellen, wenn über das Personal jeweils die andere Direktion bestimmt?“ Schon früh im Medizinstudium werde man auf „Heilung“ getrimmt, sagt Radbruch, und ein anderer Blickwinkel sei gerade in der Palliativmedizin sehr sinnvoll. „Verantwortung, ein Antibiotikum zu verschreiben, übernimmt ein Arzt gerne. Aber die Unsicherheit ist groß, wenn es darum geht, eine Therapie nicht zu machen und den Patienten in Würde gehen zu lassen.“

          Die Bundesvertretung der Medizinstudierenden (bvmd) fordere schon seit Jahren ein fächerübergreifendes Lernen, sagt Daniel Bechler, Bundeskoordinator für Medizinische Ausbildung im bvmd, der im 8. Semester in Köln studiert. Er findet besonders das Aachener Modul zur Resilienz wichtig. Hier lernen die Teilnehmer, psychisch widerstandsfähig zu werden. „Früher oder später hat jeder Mediziner mit sterbenden Patienten zu tun“, sagt er. „Die Erfahrung nimmt man mit nach Hause, und die kann einen nachts nicht schlafen lassen.“ Medizinstudenten würden detailliert alle möglichen Krankheiten und Therapien pauken. „Aber wie wir uns um uns selbst sorgen und psychisch belastende Situationen verarbeiten können, lernen wir nicht.“

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