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Otto Gerhard Oexles Goethe : Er kann dem Augenblick Dauer verleihen

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Die Gegenwart der Toten war Goethe unheimlich. „Mönche statuiere ich nicht“, sagte er zu diesem Bild von Carl Friedrich Lessing. Bild: Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Der Mensch täuscht sich, wenn er in der Erinnerung Verbindlichkeit sucht: Otto Gerhard Oexle veranschaulichte den Übergang von der Kultur der Memoria zur Wissenschaft des Historismus an den „Wahlverwandtschaften“.

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          Im September 1949 gratulierte Friedrich Meinecke, der damals schon als Nestor verehrte Historiker, dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss zur Wahl und machte mit Blick auf Goethes Geburtstag, dessen zweihundertste Wiederkehr gerade gefeiert worden war, einen Vorschlag: „Wie wäre es, wenn wir den 28. August zum künftigen Nationalfeiertag erhöben? Er hat zwei Vorzüge: 1.) dass er uns nicht politisch trennt und dass er konfessionell tragbar ist und 2.) dass er in die gute Jahreszeit fällt. Von seinem höheren und höchsten Sinn brauche ich nichts zu sagen.“ Heuss zeigte sich nicht überzeugt und mit Hinweis auf die Ferienzeit pragmatisch; denn schon die Weimarer Verfassung habe „darunter gelitten, dass am 11. August die Beamten in Ferien waren und die Schulen geschlossen“.

          Meineckes Buch über „Die deutsche Katastrophe“ von 1946 entwickelte abschließend ein „Wunschbild“ der Begründung von „Goethegemeinden“, wöchentlichen Sonntagsnachmittagsrunden zur Bildung der Nation. Das blieb nicht unwidersprochen, wie in der jetzt vorliegenden Edition der damaligen Debatte nachgelesen werden kann. Gleiches gilt für Meineckes in Goethes Geschichtsauffassung gipfelnden Historismusbegriff, der die Auseinandersetzung um den historistischen Relativismus überwinden sollte durch „die Anwendung der in der großen deutschen Bewegung von Leibniz bis zu Goethes Tod gewonnenen neuen Lebensprinzipien auf das geschichtliche Leben“.

          Der durch den Berliner Historiker vermeintlich erledigte Historismusstreit entbrannte erneut. Ende des zwanzigsten Jahrhunderts tobte er in den Kulturwissenschaften, Tagungsbände erschienen, fachliche Erregungszustände wurden gemessen. In Erinnerung an die Begriffsprägungen um 1800 und 1900 wurde der Historismus dabei als konstitutives Phänomen der Moderne behandelt. Eine zentrale Rolle spielte der Mediävist und Wissenschaftshistoriker Otto Gerhard Oexle, der von 1987 bis 2004 Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte war. Er beklagte bei Meinecke die Verengung eines europäischen Phänomens auf eine „deutsche Bewegung“ und ihre Geschichtsschreibung, die absichernden Hinweise auf das „Geschichtsgefühl Goethes“, das „Gottverwandte in der Geschichte im Augenblicke“ (Meinecke) sowie einen anachronistischen Bildungs- und Wissenschaftsbegriff – ablesbar nicht zuletzt am „absurden Vorschlag der Gründung von ,Goethegemeinden‘“.

          Mit Troeltsch gegen Meinecke

          In der Adaption Meineckes werden Ansprüche der „Geschichtskultur“ des neunzehnten Jahrhunderts auf Deutung und Orientierung der Gegenwart durch die Historie fortgeschrieben. Demgegenüber setzte Oexle auf die Diagnosen des Theologen Ernst Troeltsch und dessen Rede vom Historismus als einer „grundsätzlichen Historisierung unseres Wissens und Denkens“ mit Folgen für Gesellschaft und Wissenschaft. Troeltsch brachte damit 1922 die von ihm sogenannte „Krise des Historismus“ auf den Begriff; als Theologe stand er für eine Disziplin, die in besonderer Weise von der Historisierung und damit Gefährdung ihres Gegenstandsbereichs betroffen war.

          Dennoch: Meineckes und Oexles Historismus haben ein Tertium comparationis – Johann Wolfgang Goethe und den Beginn der modernen Welt. Doch während Meinecke mit Goethe die Herausforderungen der Moderne zu therapieren sucht, werden sie von Oexles Goethe als solche gerade in den Blick genommen.

          1984 legte Oexle in der „Historischen Zeitschrift“ einen ersten Beitrag zur „Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus“ vor, zu Herkunft und Folgen von „Wissenschaft als Forschung“. Dort postulierte er, die „Theorie einer einzelnen Wissenschaft“ sei eine „zu wichtige Sache, als dass man sie ,Theoretikern‘ oder den Philosophen allein überlassen könnte“. Die Reflexion habe ihren Ort „im konkreten Forschungsvollzug dieser Wissenschaft selbst“, in Abhandlungen mit problemgeschichtlichen Reflexionen.

          Gegenstand des bloßen Andenkens

          So hatte Oexle 1983, ein Jahr zuvor, eine umfangreiche mediävistische Studie über „Die Gegenwart der Toten“ publiziert. Zur religiös begründeten Memoria gehörte die Vergegenwärtigung der Toten sowie die rechtlich und sozial abgesicherte Verbindung der Lebenden und der Toten, die sich in der modernen Gesellschaft auflöste: Die Toten sind nun „nichts mehr“ und werden zum Gegenstand bloßen Andenkens. Dieser Wandel wurde von Oexle an Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ von 1809 nachvollzogen und ließ den Mediävisten nicht mehr los. Von den Studien über „Memoria und Memorialbild“ (1984) bis zur letzten Arbeit über „Das Ende der Memoria“ (2016) kam er auf die „Wahlverwandtschaften“ zurück, um diese Geschichte der Moderne zu veranschaulichen.

          Das Ende der Memoria des alten Europas ist der Beginn des Historismus der Moderne. Das ist im Rückblick die innere Mitte von Oexles Historismus und Problemgenerator seiner Abhandlungen zu den verschiedensten Phänomenen. Was interessierte den Mediävisten an der Romanhandlung? Es ist ein veritabler Rechtsstreit zu Fragen der Memoria, den der Jurist Goethe literarisch gestaltete.

          Das Auge wohnt mit

          Die Grundherrin Charlotte möchte den Kirchhof ihres Dorfes als Grünanlage neu gestalten und Vorgefundenes so anordnen, dass „ein angenehmer Raum“ entsteht, „auf dem das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten“. In der Folge werden Grabmäler von den Gräbern entfernt und an der Mauer des Kirchhofs sowie dem Sockel der Kirche neu aufgestellt – geordnet nach Jahren. Anstelle der „holprigen Grabstätten“ sah der Betrachter des Kirchhofs nun „einen schönen, bunten Teppich“ vor sich. Widerspruch jedoch kommt von einem Juristen. Er macht darauf aufmerksam, dass mit der Auflösung des Zusammenhangs von Grabmal und Grab die Beziehung zu den Vorfahren gekappt, die Memoria erloschen und die mit ihr verbundene Stiftung gegenstandslos geworden sei.

          An die Stelle der „Gegenwart der Toten“ tritt die „Erinnerung“ im Zeichen des Historismus. Dazu gehört dann auch die je perspektivische Neuordnung von Materialien und Erinnerungen – sei es an der Kirchenmauer oder in einer neu einzurichtenden Seitenkapelle der Dorfkirche mit denkmalpflegerischer Fragestellung und dem Willen, kulturelle Überlieferung zu sichern und auszustellen. Von der Memoria führt so für Oexle auch ein Weg zum Museum, die Historisierung erschließt neue Kontexte.

          Aufklärung und Revolution bewirkten den Wandel, den Oexle mit den Begriffen Memoria und Historismus zu fassen versuchte. Er wies dem Historiker die Aufgabe, aber auch die Verantwortung zu, nach dem Ende der Memoria und einer metaphysisch garantierten Ordnung „Wissenschaft als Forschung“ zu betreiben. Das schloss, so verstand er Max Weber, die Einsicht in Chancen und Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis ein – in die empirisch basierte Konstruktion eines „Kosmos gedachter Zusammenhänge“ ebenso wie den alle Ergebnisse überholenden „Fortschritt in das Unendliche“.

          Memoria schafft Identität

          Aspekte der alle Lebensbereiche umfassenden Memoria bleiben in einer „Memoria als Kultur“ erhalten, die selbstreflexiv und offen angelegt ist. „Die geschichtliche Erinnerung entbehrt also jeglicher ontischen Begründung und absoluter Verbindlichkeit“, so resümierte Oexle 1985 seine „Gedanken über Memoria“ nach dem Epochenwandel von 1800. In seinem Handexemplar fügte er handschriftlich hinzu, viele Historiker nähmen das nicht zur Kenntnis – er sah bei seinen Kollegen einen naiven Objektivismus fortleben.

          Für Oexle bedeutete der Verlust einer transzendent begründeten Ordnung Alteuropas die Einsicht in die Pluralität vielfältiger und wirkungsvoller Deutungsschemata sozialer Wirklichkeit. Darüber hinaus schärfte ihm die Verbindung von Herrschaft und Erinnerung den Sinn für die manipulative Macht des Gedächtnisses, aber auch für die notwendige Rehabilitation der Verfolgten, Ermordeten und Vergessenen – nicht zuletzt in der Geschichte der Kulturwissenschaften selbst.

          „Memoria schafft Identität“ (Oexle). Nach Auflösung von Augustins „Kraft der Erinnerung“ für ein gottgefälliges Leben und vor Nietzsches „Kraft des Vergessens“ für ein befreites Leben war es Goethe, der unter anderem die ihm anvertraute Weimarer Bibliothek zu einem Ort des kulturellen Gedächtnisses nach dem Ende alteuropäischer Memoria, zu einem Kosmos des Wissens machte – mit der Erinnerung an die Lebenden und Toten im Rokokosaal samt Blickfang auf Herzog Carl August und die von ihm in Auftrag gegebene Memoria im Ilmpark. Oexle folgend ist dieser Raum heute nicht ohne die Erinnerung an Buchenwald und die Geschichte der Goethe-Eiche zu haben.

          Am 28. August 2019, Goethes zweihundertsiebzigstem Geburtstag, wäre Otto Gerhard Oexle achtzig Jahre alt geworden.

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