https://www.faz.net/-gyl-9qi79

Otto Gerhard Oexles Goethe : Er kann dem Augenblick Dauer verleihen

  • -Aktualisiert am

Die Gegenwart der Toten war Goethe unheimlich. „Mönche statuiere ich nicht“, sagte er zu diesem Bild von Carl Friedrich Lessing. Bild: Wallraf-Richartz-Museum & Fondation Corboud

Der Mensch täuscht sich, wenn er in der Erinnerung Verbindlichkeit sucht: Otto Gerhard Oexle veranschaulichte den Übergang von der Kultur der Memoria zur Wissenschaft des Historismus an den „Wahlverwandtschaften“.

          5 Min.

          Im September 1949 gratulierte Friedrich Meinecke, der damals schon als Nestor verehrte Historiker, dem ersten Bundespräsidenten Theodor Heuss zur Wahl und machte mit Blick auf Goethes Geburtstag, dessen zweihundertste Wiederkehr gerade gefeiert worden war, einen Vorschlag: „Wie wäre es, wenn wir den 28. August zum künftigen Nationalfeiertag erhöben? Er hat zwei Vorzüge: 1.) dass er uns nicht politisch trennt und dass er konfessionell tragbar ist und 2.) dass er in die gute Jahreszeit fällt. Von seinem höheren und höchsten Sinn brauche ich nichts zu sagen.“ Heuss zeigte sich nicht überzeugt und mit Hinweis auf die Ferienzeit pragmatisch; denn schon die Weimarer Verfassung habe „darunter gelitten, dass am 11. August die Beamten in Ferien waren und die Schulen geschlossen“.

          Meineckes Buch über „Die deutsche Katastrophe“ von 1946 entwickelte abschließend ein „Wunschbild“ der Begründung von „Goethegemeinden“, wöchentlichen Sonntagsnachmittagsrunden zur Bildung der Nation. Das blieb nicht unwidersprochen, wie in der jetzt vorliegenden Edition der damaligen Debatte nachgelesen werden kann. Gleiches gilt für Meineckes in Goethes Geschichtsauffassung gipfelnden Historismusbegriff, der die Auseinandersetzung um den historistischen Relativismus überwinden sollte durch „die Anwendung der in der großen deutschen Bewegung von Leibniz bis zu Goethes Tod gewonnenen neuen Lebensprinzipien auf das geschichtliche Leben“.

          Der durch den Berliner Historiker vermeintlich erledigte Historismusstreit entbrannte erneut. Ende des zwanzigsten Jahrhunderts tobte er in den Kulturwissenschaften, Tagungsbände erschienen, fachliche Erregungszustände wurden gemessen. In Erinnerung an die Begriffsprägungen um 1800 und 1900 wurde der Historismus dabei als konstitutives Phänomen der Moderne behandelt. Eine zentrale Rolle spielte der Mediävist und Wissenschaftshistoriker Otto Gerhard Oexle, der von 1987 bis 2004 Direktor am Göttinger Max-Planck-Institut für Geschichte war. Er beklagte bei Meinecke die Verengung eines europäischen Phänomens auf eine „deutsche Bewegung“ und ihre Geschichtsschreibung, die absichernden Hinweise auf das „Geschichtsgefühl Goethes“, das „Gottverwandte in der Geschichte im Augenblicke“ (Meinecke) sowie einen anachronistischen Bildungs- und Wissenschaftsbegriff – ablesbar nicht zuletzt am „absurden Vorschlag der Gründung von ,Goethegemeinden‘“.

          Mit Troeltsch gegen Meinecke

          In der Adaption Meineckes werden Ansprüche der „Geschichtskultur“ des neunzehnten Jahrhunderts auf Deutung und Orientierung der Gegenwart durch die Historie fortgeschrieben. Demgegenüber setzte Oexle auf die Diagnosen des Theologen Ernst Troeltsch und dessen Rede vom Historismus als einer „grundsätzlichen Historisierung unseres Wissens und Denkens“ mit Folgen für Gesellschaft und Wissenschaft. Troeltsch brachte damit 1922 die von ihm sogenannte „Krise des Historismus“ auf den Begriff; als Theologe stand er für eine Disziplin, die in besonderer Weise von der Historisierung und damit Gefährdung ihres Gegenstandsbereichs betroffen war.

          Dennoch: Meineckes und Oexles Historismus haben ein Tertium comparationis – Johann Wolfgang Goethe und den Beginn der modernen Welt. Doch während Meinecke mit Goethe die Herausforderungen der Moderne zu therapieren sucht, werden sie von Oexles Goethe als solche gerade in den Blick genommen.

          1984 legte Oexle in der „Historischen Zeitschrift“ einen ersten Beitrag zur „Geschichtswissenschaft im Zeichen des Historismus“ vor, zu Herkunft und Folgen von „Wissenschaft als Forschung“. Dort postulierte er, die „Theorie einer einzelnen Wissenschaft“ sei eine „zu wichtige Sache, als dass man sie ,Theoretikern‘ oder den Philosophen allein überlassen könnte“. Die Reflexion habe ihren Ort „im konkreten Forschungsvollzug dieser Wissenschaft selbst“, in Abhandlungen mit problemgeschichtlichen Reflexionen.

          Gegenstand des bloßen Andenkens

          So hatte Oexle 1983, ein Jahr zuvor, eine umfangreiche mediävistische Studie über „Die Gegenwart der Toten“ publiziert. Zur religiös begründeten Memoria gehörte die Vergegenwärtigung der Toten sowie die rechtlich und sozial abgesicherte Verbindung der Lebenden und der Toten, die sich in der modernen Gesellschaft auflöste: Die Toten sind nun „nichts mehr“ und werden zum Gegenstand bloßen Andenkens. Dieser Wandel wurde von Oexle an Goethes Roman „Die Wahlverwandtschaften“ von 1809 nachvollzogen und ließ den Mediävisten nicht mehr los. Von den Studien über „Memoria und Memorialbild“ (1984) bis zur letzten Arbeit über „Das Ende der Memoria“ (2016) kam er auf die „Wahlverwandtschaften“ zurück, um diese Geschichte der Moderne zu veranschaulichen.

          Weitere Themen

          Israel kehrt Studienwahl um

          MINT-Fächer : Israel kehrt Studienwahl um

          Wovon Bildungspolitiker in Deutschland träumen, in Israel ist es gelungen. Die MINT-Fächer verzeichnen große Steigerungsraten unter Studenten. Wie das gelang? Mit einem nationalen Programm und einer Finanzspritze.

          Topmeldungen

          Wahl in Nordirland : Selbst die Grenze hat eine Stimme

          In Nordirland hilft nur noch Galgenhumor: Die britische Provinz fühlt sich von allen Seiten verkauft. Die bitterste Ironie ist die Zwickmühle, in die Boris Johnson die nordirischen Konservativen gebracht hat.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.