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Otto Gerhard Oexles Goethe : Er kann dem Augenblick Dauer verleihen

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Das Ende der Memoria des alten Europas ist der Beginn des Historismus der Moderne. Das ist im Rückblick die innere Mitte von Oexles Historismus und Problemgenerator seiner Abhandlungen zu den verschiedensten Phänomenen. Was interessierte den Mediävisten an der Romanhandlung? Es ist ein veritabler Rechtsstreit zu Fragen der Memoria, den der Jurist Goethe literarisch gestaltete.

Das Auge wohnt mit

Die Grundherrin Charlotte möchte den Kirchhof ihres Dorfes als Grünanlage neu gestalten und Vorgefundenes so anordnen, dass „ein angenehmer Raum“ entsteht, „auf dem das Auge und die Einbildungskraft gerne verweilten“. In der Folge werden Grabmäler von den Gräbern entfernt und an der Mauer des Kirchhofs sowie dem Sockel der Kirche neu aufgestellt – geordnet nach Jahren. Anstelle der „holprigen Grabstätten“ sah der Betrachter des Kirchhofs nun „einen schönen, bunten Teppich“ vor sich. Widerspruch jedoch kommt von einem Juristen. Er macht darauf aufmerksam, dass mit der Auflösung des Zusammenhangs von Grabmal und Grab die Beziehung zu den Vorfahren gekappt, die Memoria erloschen und die mit ihr verbundene Stiftung gegenstandslos geworden sei.

An die Stelle der „Gegenwart der Toten“ tritt die „Erinnerung“ im Zeichen des Historismus. Dazu gehört dann auch die je perspektivische Neuordnung von Materialien und Erinnerungen – sei es an der Kirchenmauer oder in einer neu einzurichtenden Seitenkapelle der Dorfkirche mit denkmalpflegerischer Fragestellung und dem Willen, kulturelle Überlieferung zu sichern und auszustellen. Von der Memoria führt so für Oexle auch ein Weg zum Museum, die Historisierung erschließt neue Kontexte.

Aufklärung und Revolution bewirkten den Wandel, den Oexle mit den Begriffen Memoria und Historismus zu fassen versuchte. Er wies dem Historiker die Aufgabe, aber auch die Verantwortung zu, nach dem Ende der Memoria und einer metaphysisch garantierten Ordnung „Wissenschaft als Forschung“ zu betreiben. Das schloss, so verstand er Max Weber, die Einsicht in Chancen und Grenzen wissenschaftlicher Erkenntnis ein – in die empirisch basierte Konstruktion eines „Kosmos gedachter Zusammenhänge“ ebenso wie den alle Ergebnisse überholenden „Fortschritt in das Unendliche“.

Memoria schafft Identität

Aspekte der alle Lebensbereiche umfassenden Memoria bleiben in einer „Memoria als Kultur“ erhalten, die selbstreflexiv und offen angelegt ist. „Die geschichtliche Erinnerung entbehrt also jeglicher ontischen Begründung und absoluter Verbindlichkeit“, so resümierte Oexle 1985 seine „Gedanken über Memoria“ nach dem Epochenwandel von 1800. In seinem Handexemplar fügte er handschriftlich hinzu, viele Historiker nähmen das nicht zur Kenntnis – er sah bei seinen Kollegen einen naiven Objektivismus fortleben.

Für Oexle bedeutete der Verlust einer transzendent begründeten Ordnung Alteuropas die Einsicht in die Pluralität vielfältiger und wirkungsvoller Deutungsschemata sozialer Wirklichkeit. Darüber hinaus schärfte ihm die Verbindung von Herrschaft und Erinnerung den Sinn für die manipulative Macht des Gedächtnisses, aber auch für die notwendige Rehabilitation der Verfolgten, Ermordeten und Vergessenen – nicht zuletzt in der Geschichte der Kulturwissenschaften selbst.

„Memoria schafft Identität“ (Oexle). Nach Auflösung von Augustins „Kraft der Erinnerung“ für ein gottgefälliges Leben und vor Nietzsches „Kraft des Vergessens“ für ein befreites Leben war es Goethe, der unter anderem die ihm anvertraute Weimarer Bibliothek zu einem Ort des kulturellen Gedächtnisses nach dem Ende alteuropäischer Memoria, zu einem Kosmos des Wissens machte – mit der Erinnerung an die Lebenden und Toten im Rokokosaal samt Blickfang auf Herzog Carl August und die von ihm in Auftrag gegebene Memoria im Ilmpark. Oexle folgend ist dieser Raum heute nicht ohne die Erinnerung an Buchenwald und die Geschichte der Goethe-Eiche zu haben.

Am 28. August 2019, Goethes zweihundertsiebzigstem Geburtstag, wäre Otto Gerhard Oexle achtzig Jahre alt geworden.

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