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Oral History aus Palästina : Schablonen des Opfers

  • -Aktualisiert am

Szene der „Nakba“: Palästinenser auf der Flucht im Jahr 1948 Bild: Picture-Alliance

Für das historische Bewusstsein der Palästinenser ist das Sammeln mündlicher Zeugnisse von zentraler Wichtigkeit. Aber wer darf sprechen? Jetzt gibt es Kritik an der Einseitigkeit dieser Oral History.

          3 Min.

          Für das kollektive Gedächtnis der Palästinenser ist die Erinnerung an die „Nakba“ (Katastrophe) von 1948 zentral. Um das Trauma von Vertreibung und Flucht kreisen neben der palästinensischen Memorialliteratur und Belletristik auch die vielfach dokumentierten mündlichen Berichte über die Kriegsereignisse und deren Folgen. Diesen Berichten kommt unter dem wissenschaftlichen Begriff der Oral History in der palästinensischen Geschichtsschreibung immer mehr Bedeutung zu, sind sie doch aus Sicht prominenter Historiker wie Nur Masalha geeignet, der von Israel angeblich gewollten „Auslöschung“ der Erinnerung an das damalige Kriegsgeschehen, dem „memoricide“, entgegenzuwirken.

          Trotz der immer stärkeren Gewichtung mündlicher Berichte über die Nakba durch palästinensische Historiker werden diese Zeugnisse nur selten kritisch reflektiert. Dem Soziologen Abbad Yahya aus Ramallah, der auch als Journalist arbeitet und als Prosaautor international bekannt ist, fiel auf, dass sich die Muster dieser Erzählungen immer wieder sehr ähneln und dass sie sogar häufig fast identisch sind. Er vermutet dahinter, wie er in einem Aufsatz darlegt („Oral History and Dual Marginalization: Palestinian Peasant Women and Nakba Narratives“, in: Jerusalem Quarterly, Nr. 70, Institute for Palestine Studies, Ramallah 2017), ein ideologisches Konstrukt. Nicht nur werde die Opferrolle der Zeitzeugen unterstrichen; es gehe darum, ihre Kriegserfahrung als ausschließlich traumatisch besetzt erscheinen zu lassen.

          Eine andere Vorgeschichte

          Auf deutliche Abweichungen von den schablonenhaften Erzählmodi über die Nakba stieß Abbad Yahya bei der Befragung von Frauen, die aus dem von den Israelis 1948 zerstörten Dorf Mughallis stammen. Die Eltern dieser Frauen waren meist arme landlose Bauern. Anders als Yahyas männliche Gesprächspartner hatten die Frauen keine Hemmungen, die schwierige Lage der Dorfbewohner in der Zeit vor dem Krieg zu schildern. Im Gegensatz zu der in der palästinensischen Oral History oft anzutreffenden Tendenz zur Verklärung der Vorkriegszeit sprachen die Palästinenserinnen ganz offen darüber, dass ihr Dorf ständig von gewalttätigen Mitgliedern eines mächtigen Clans aus einem benachbarten Ort terrorisiert wurde. Nicht selten waren junge Frauen die Opfer von Entführungsversuchen und Überfällen, was immer wieder zu bewaffneten Auseinandersetzungen führte, oft mit Todesopfern.

          Ruine des Dorfes Mughallis

          Wegen dieser Vorgeschichte brachte für eine der befragten Frauen die Ankunft der israelischen Armee auch etwas Positives mit sich. Geradezu Genugtuung empfindet sie angesichts der Tatsache, dass die palästinensischen Banden von den israelischen Soldaten dezimiert wurden. Außerdem markierte die Nakba für die damals noch junge Palästinenserin und ihre Familie, die kein Land besaß, den Beginn eines besseren Lebens in der unweit ihres Heimatdorfes gelegenen Stadt Jericho. Die Erinnerung an den Anfang in Jericho ist für sie mit dem sozialen Aufstieg verbunden und mit mehr Freiheiten für die weiblichen Mitglieder der Familie.

          Solche positiven Aspekte wurden aber nur von Frauen angesprochen. Männliche Gesprächspartner machten die Streitigkeiten mit benachbarten Ortschaften nur selten zum Thema, und Yahya hatte Mühe, von ihnen Einzelheiten zu erfahren. Aus manchem lakonischem Bericht ging indes hervor, dass sich die Männer in Mughallis schon lange vor dem israelisch-arabischen Krieg bewaffnet hatten, um sich vor den Übergriffen der marodierenden Banden aus dem Nachbardorf Ajur zu schützen. Einem der Interviewten konnte Yahya immerhin entlocken, dass die Konkurrenten, nachdem sie von den Waffenkäufen Wind bekommen hatten, sie sofort den britischen Mandatsbehörden meldeten. Die Briten verhafteten daraufhin den Onkel des Zeitzeugen, der nur deshalb der Todesstrafe entging, weil bewiesen werden konnte, dass die Waffen Eigentum des ganzen Dorfes und nur für den Schutz seiner Bewohner bestimmt waren. Auf die konkreten Gründe für die Auseinandersetzungen mit den Dorfbewohnern von Ajur wollte der Mann jedoch nicht eingehen.

          Yahya führt diese selektive Erinnerung auf die in der palästinensischen Gesellschaft herrschenden Normen zurück. Aus seiner Sicht neigen die palästinensischen Männer dazu, dem ohnehin weitgehend maskulin geprägten „national verpflichteten“ Narrativ über die Nakba Tribut zu zollen. So auch im Fall der im palästinensischen Diskurs geradezu zum Mythos gewordenen Gleichsetzung der Nakba mit dem Verlust von Grund und Boden, der als Symbol für Entehrung betrachtet wird. Yahya sieht auch hier Denkmuster männlicher Hegemonie am Werk. Zum Schweigen gebracht würden die Stimmen all jener Frauen, die – was damals in der palästinensischen Landbevölkerung die Regel war – niemals Land besessen und sich deshalb mit der nationalistischen Mystifizierung des Bodens kaum identifiziert hätten. Die erwähnte Frau, die von ihm befragt wurde, ist sogar froh, dass ihre landlose Familie den Verhältnissen von Quasi-Leibeigenschaft entronnen ist, in denen sie vor dem Krieg gelebt hatte.

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