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Foucault und Identitätspolitik : Ursprungsmythen aus dem Orient

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Michel Foucault und Michael Stoneman im Death Valley im Mai 1975. Bild: David Wade

Transatlantische Umdeutungen: Wie Michel Foucault zum Säulenheiligen von Postkolonialismus und Identitätspolitik wurde und warum es ein guter Zeitpunkt ist, Mithu Sanyals Roman „Identitti“ zu lesen.

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          Die postkoloniale und identitätspolitische Theoriebildung, die vornehmlich in den Vereinigten Staaten in den 1980er und 1990er Jahren begann, ist ohne den Bezug auf die Dekonstruktion Jacques Derridas, die Diskursanalyse Michel Foucaults und die Politikanalysen Antonio Gramscis nicht denkbar. Theoriegeschichtlich firmiert dies in Bezug auf die beiden Franzosen unter „French Theory“, der Bezug auf Gramsci lässt so etwas wie „Sardinian Theory“ vermuten. Die von einem nicht unerheblichen Teil der amerikanischen akademischen Linken vertretenen identitätspolitischen Überzeugungen, die darauf hinauslaufen, die Universität in einen „safe space“ und den wissenschaftlichen Diskurs in eine Bekenntnishölle zu verwandeln, sind der akademische Exportschlager schlechthin. Dabei ist nicht zu vergessen, dass es sich bei der gegenwärtigen Rezeption von Foucault um einen „Reimport“ handelt. Foucault wurde zunächst in die Vereinigten Staaten „exportiert“, um dann in veränderter Form wieder in Europa aufzutauchen.

          James Miller veröffentlicht 1993 seine Foucault-Biographie mit dem sprechenden Titel „The passion of Michel Foucault“. Der französische Denker wird darin, etwas polemisch formuliert, zu einem intellektuellen Nachfolger der pilgrim fathers, die sich aufgrund religiöser Unterdrückung und existentieller Not auf die Atlantik-Route begaben. Miller zufolge haben die Flucht in die Vereinigten Staaten und die Erfahrungen in der schwulen Subkultur im San Francisco der 1970er Jahre Foucault und sein Denken radikal verändert. Die Schriften der 1970er Jahre, vor allem die Bücher über „Sexualität und Wahrheit“, wurden als Autosoziobiographien gelesen. So hieß es in dieser Zeitung (5. Dezember 1995) in der Rezension der deutschen Übersetzung des Miller’schen Werkes: „In geradezu voyeuristischer Manier reißt Miller den von ihm so titulierten ‚hermetischen‘ Texten Foucaults die Maske herunter, um ihre Genese und die zugrundeliegende intellektuelle Produktivkraft vornehmlich auf das Intimleben des Autors zurückzuführen.“

          Zu seiner Sexualität und Identität fand Foucault, so Miller, in der schwulen Subkultur und mit Hilfe von Drogenexperimenten in der Wüste von Arizona. Diese Sicht auf Foucault war tatsächlich etwas Neues. In der Folge kam es zu zahlreichen Publikationen, die entscheidend für den Reimport nach Europa waren und die Foucault zum „Diskursbegründer“ der „Identity Politics“ machten.

          Identitätspolitische Erbauungsliteratur

          Diese Rezeption kann in den Vereinigten Staaten als eine Reaktion auf die kulturellen und intellektuellen Kämpfe beschrieben werden, die unter dem Rubrum „Culture Wars“ Gesellschaft, Medien und Politik in Atem gehalten hatten. Die Foucault-Einführungsliteratur brummte und verwandelte sich in eine identitätspolitische Erbauungsliteratur. Vor allem Foucaults Schriften zur Sexualität wurden schnell übersetzt und rezipiert. Seine historischen Studien zur Sexualität (als Form der Wahrheitsproduktion von Subjekten über sich selbst) und die daran anschließenden Untersuchungen zur Ästhetik der Existenz (als Form einer nicht-identitären Wahrheitsproduktion) wurden miteinander vermengt.

          Es begann eine Verengung Foucaults auf identitätspolitische Fragen. Queer- und LGBTQ-Studies nutzen Foucault heute für eine, wie Mark Lilla in der „New York Times“ schon 2016 formuliert hat, „moral pedagogy“ der aus ihrer Sicht heteronormativen und hegemonialen Mehrheitsgesellschaft. Einiges, so scheint es, ist auf der Passage nach Europa verlorengegangen.

          Einer der wichtigsten Theoretiker des Postkolonialen ist Edward Said. In seinem epochalen Buch „Orientalism“ von 1978 amalgiert Said zwei Theoretiker, die für sein Projekt elementar sind: Michel Foucault und Antonio Gramsci. Grob gesprochen, ist Orientalismus für Said „ein Wissenssystem über den Orient“, das den Osten zum Antipoden westlicher Rationalität erklärt und eine Rechtfertigung für Kolonialismus und Imperialismus geliefert habe. Foucault, dessen „Werk“, wie Said schreibt, er „sehr viel verdanke“, wird zu einem Säulenheiligen. Saids Umgang mit Foucaults Schriften ist idealtypisch und strategisch.

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