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Offiziere in der Schule : Militärpropaganda im Politikunterricht?

  • -Aktualisiert am

Umstritten: Bundeswehrvertreter vor Schulklassen Bild: ddp Images

Die Vorträge von Jugendoffizieren der Bundeswehr an deutschen Schulen sind umstritten. Bergen die organisierten Museumsbesuche und Exkursionen die Gefahr der Indoktrination?

          3 Min.

          „Bundeswehr raus aus den Schulen!“ – eine alte Parole geistert immer wieder durch die Öffentlichkeit. Auf eine parlamentarische Anfrage der Linkspartei antwortete die Bundesregierung, dass die 100 Jugendoffiziere des Verteidigungsministeriums im vergangenen Jahr mit ihren Angeboten fast 120.000 Schüler erreichten, das war eine Steigerung von 9,6 Prozent gegenüber dem Vorjahr.

          Die Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW) spricht sich schon seit längerer Zeit mit teils beträchtlichem Erfolg gegen eine Zusammenarbeit von schulischen wie universitären Bildungsinstitutionen mit der Bundeswehr aus. In der Folge haben sich in den vergangenen Jahren mehrere Hochschulen sogenannte Zivilklauseln gegeben, die „Kriegsforschung“ allgemein untersagen. Weil sie der Bundeswehr Hausverbot erteilt haben, verlieh eine Aachener Gesellschaft im Jahr 2013 zwei deutschen Schulen einen „Friedenspreis“. Kritiker wie GEW und Linkspartei werfen dem Bundesverteidigungsministerium insbesondere vor, durch die Angebote der Jugendoffiziere (Vorträge, organisierte Museumsbesuche, Exkursionen) Werbung für die Bundeswehr zu machen, „Militärpropaganda“ zu betreiben sowie eine tendenziöse Sicht auf Verteidigungs-, Außen- und Sicherheitspolitik zu vermitteln und die Schüler so zu indoktrinieren.

          Unbestritten ist mit jedem Vortrag eines Jugendoffiziers im Politik- oder Geschichtsunterricht zumindest indirekte „Werbung“ für die Streitkräfte und den Soldatenberuf verbunden. Auch hat das Verteidigungsministerium ganz unzweifelhaft ein Interesse daran, das Verständnis in der Bevölkerung für außen- und sicherheitspolitische Entscheidungen der Bundesregierung zu fördern. Aber taugt das schon zum Skandalon? Verfolgt ein Mitarbeiter einer Nichtregierungsorganisation wie etwa Greenpeace nicht ebenso eine bestimmte Agenda, wenn er vor Schülern seine Sicht auf die deutsche Umweltpolitik darlegt? Sollten Politiklehrer aus diesen Gründen also generell keine Jugendoffiziere, ja, in der Konsequenz, überhaupt keine externen Referenten, die ja alle in irgendeiner Form „Werbung“ machen, in ihren Unterricht einladen?

          Ein erhebliches Misstrauen

          Zweifellos wird das Referat eines jungen, vielleicht sympathischen Jugendoffiziers, das möglicherweise mit Action-, Abenteuer- und Kriegsbildern oder kurzen Videos garniert ist, eine gewisse Faszination auf den einen oder anderen – häufig männlichen – Schüler ausüben. Gleichzeitig bleiben bei einem dreistündigen Oberstufenkurs je nach Länge des Schuljahres nach Abzug des zumeist zweistündigen Vortrags noch ungefähr 88 bis 118 Politikstunden, in denen Lehrkraft und Schüler den Vortrag inhaltlich vorbereiten, problematische Aussagen des Referenten kritisch untersuchen und nachbereiten sowie weitere Perspektiven einbringen können. Wenn GEW, linke Parteien teilweise und auch Vertreter der politischen Bildung von einem Bundeswehr-Vortrag an Schulen generell abraten oder diesen durch ein direktes Verbot völlig unmöglich machen, so verrät diese Haltung ein erhebliches Misstrauen gegenüber allen Beteiligten. Einen kritischen Umgang mit dem Referat eines Jugendoffiziers trauen sie offenbar weder den Schülern noch ihren Lehrern zu.

          Politiklehrer verstehen sich als Spezialisten für das Kontroverse. Deshalb kann man von ihnen erwarten, dass sie spätestens in der Stunde nach dem Besuch des Jugendoffiziers dessen Vortrag – gemeinsam mit den Schülern – kritisch diskutieren. Tun sie das nicht, hätten sie die Gefahr der Überwältigung entweder nicht erkannt – oder aber bewusst gegen ein zentrales Prinzip des Politikunterrichts verstoßen. Beides bedeutete mit hoher Wahrscheinlichkeit, dass ihre Schutzbefohlenen auch in anderen thematischen Kontexten und in Abwesenheit externer Referenten – vermutlich vor allem von politischen Äußerungen des Fachlehrers – regelmäßig „überwältigt“ werden würden. Dann aber hätte die politische Bildung an Universität und Studienseminar in den letzten Jahrzehnten tatsächlich versagt.

          Geht man jedoch wie der Autor davon aus, dass die Kollegen das für die Fächer Politik wie Geschichte überaus bedeutsame Kontroversitätsgebot und Überwältigungsverbot (Beutelsbacher Konsens) durch Ausbildung und Reflexion der beruflichen Praxis verinnerlicht haben, so konterkariert der Vortrag eines Jugendoffiziers die Ziele politischer Bildung keinesfalls, selbst dann, wenn er kontrovers oder tendenziös ist. Ganz im Gegenteil motiviert eine solche reale Begegnung die Schüler erfahrungsgemäß weitaus stärker als die Arbeit mit einem klassischen Schulbuchtext, sich vertieft mit dem Inhalt des Vortrags auseinanderzusetzen. Indem die Lernenden die dabei notwendigen Fähigkeiten zur kritischen Urteilsbildung einüben und ausbauen, machen sie einen wichtigen Schritt auf dem langen und steinigen Weg zum Endziel politischer Bildung: dem mündigen Bürger.

          Anstatt Diskussionen und Kontroversen auszuweichen, sollten Schüler und Lehrer diese geradezu suchen. Denn erst die Auseinandersetzung mit anderen, der Austausch von Argumenten und Gegenargumenten, schärft die eigene Position und ermöglicht den Jugendlichen, sich ein begründetes, differenziertes und eigenständiges Urteil zu bilden. Schulen sollten also auch weiterhin Jugendoffiziere einladen – und natürlich genauso Vertreter von anderen demokratischen Organisationen oder Parteien.

          Der Autor ist Politik- und Geschichtslehrer sowie in der Lehrerausbildung tätig.

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