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Studentische Arbeiten : Kritik an österreichischer Plagiatsstudie

  • -Aktualisiert am

Wie verbreitet ist das Plagiieren unter den Studenten Österreichs? Bild: dpa

Das Wiener Bildungsministerium wollte wissen, wie mit Plagiaten an Österreichs Hochschulen umgegangen wird und beauftragte eine Studie. Die Ergebnisse sind nur wenig hilfreich.

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          Immerhin 112 Seiten lang ist die Studie „Plagiatsprävention und -prüfung an österreichischen Universitäten und Hochschulen. Lagebericht zur Praxis in Studium und Lehre“, die das Institut für Höhere Studien in Wien im Auftrag des österreichischen Bildungsministeriums erstellt hat.

          68 von 73 öffentlichen und privaten Universitäten, Pädagogischen Hochschulen und Fachhochschulen nahmen an einer Online-Erhebung teil. Hinzu kamen acht Interviews. Der Fokus des Lageberichts liegt auf studentischen Arbeiten. Es geht mithin nicht um Promotionen. Die wichtigsten Erkenntnisse: Rund drei Viertel der Hochschulen haben eine Organisationseinheit oder eine Person benannt, die sich um die Standards guter wissenschaftlicher Praxis oder Plagiate kümmert. Richtlinien über Plagiate haben fast alle österreichischen Hochschulen, knapp 60 Prozent veröffentlichen diese auch im Internet. Studenten lernen die Standards guter wissenschaftlicher Praxis in fachspezifischen Lehrveranstaltungen: 85 Prozent der Hochschulen geben an, diese Kurse anzubieten. Fast alle Institutionen nutzen eine Plagiatssoftware, wobei eine flächendeckende Überprüfung von studentischen Arbeiten selten ist.

          Indes irritiert, wie das Studiendesign angelegt wurde. Die Erfassung der Daten erfolgte durch den Versand von Fragebögen an die Hochschulen. Es gab, bis auf wenige Experteninterviews, keine eigenen Recherchen. Die Angaben der Hochschulen wurden nicht überprüft – und können nicht überprüft werden, da die Rohdaten geheim bleiben. Veröffentlicht wurde nur ein aggregiertes Lagebild. Das ist bei öffentlichen Tatsachen (wie etwa der Frage „Setzt Ihre Hochschule Plagiatssoftware ein?“) unverständlich. Es gibt keinen Grund für Geheimhaltung. Zudem erscheint die Interpretation durch die Studienersteller fragwürdig. So heißt es in der Studienzusammenfassung: „Plagiatsvorwürfe treffen den Wissenschaftsbetrieb in mehrfacher Hinsicht: die beschuldigten Personen selbst, die jeweilige Hochschule, aber auch die Glaubwürdigkeit der Wissenschaft insgesamt leidet.“ Dazu sagt Felix Hagenström, wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Ombudsman für die Wissenschaft, der F.A.Z.: „Man hätte wenigstens erwarten dürfen, dass neben den Plagiatsvorwürfen auch die Plagiate selbst als Problem der Wissenschaft Erwähnung finden.“

          Als Interviewpartnerin fungierte unter anderem die Leiterin des Instituts für Wissenschafts- und Technikforschung, Ulrike Felt. Zu ihren Aussagen heißt es in der Studie: „Übermoralisierung sei problematisch, weil diese die eigentlich sinnvolle Unterscheidung verschiedener Motive der Plagiierenden und der Schwergrade des Plagiats tendenziell verwische. So spricht Felt von ‚unschuldigen Plagiaten‘ (Ulrike Felt, Absatz 22), wenn sich diese bspw. auf die unbewusste Übertragung von Teilen unvollständig erstellter Lern- und Karteikarten oder aus unsauberen Notizen in Texte beziehen.“ Die Kategorisierung von Plagiaten in schuldig und unschuldig ist immerhin eine Innovation dieser Studie, wenn auch der skurrilen Art.

          Ein Mitwirkender hat sich von der Studie distanziert

          Auf Seite 104 heißt es, auch als Erkenntnis nach den Interviews: „Ein weiterer Faktor, der allerdings in stärkerem Maße Bachelor- und Masterstudierende betreffen dürfte, ist die Fragmentierung der Zitationsregeln zwischen z.B. Disziplinen, Journals und Hochschulabteilungen, welche gerade unerfahrene Studierende überfordere. Sich in der Vielzahl verschiedener Richtlinien, Handreichungen und Einsatzfelder zurechtzufinden, erfordert die Fähigkeit, die jeweiligen Zitierstile kritisch [zu] reflektieren und für die eigene Situation handhabbar zu machen.“

          Felix Hagenström lässt diese Aussage ratlos zurück. Erster Grund ist ein formaler: Der Satz vor der zitierten Stelle steht im Konjunktiv, die Sätze davor wiederum im Indikativ, und die zitierte Stelle ebenfalls im Indikativ. „Wird hier ungenau wiedergegeben, was Felt (oder jemand anderes?) zu Protokoll gegeben hat oder lesen wir hier die Auffassung der Autorinnen“, fragt Hagenström und ergänzt zum Inhalt: „Beides wäre zu kritisieren.“ In der Tat sind die weltweit gültigen grundlegenden Zitierregeln sehr einfach und lassen sich in wenigen Sätzen zusammenfassen. Diese Regeln sollten jedem Studenten bereits im ersten Semester bekannt sein.

          Ein Mitwirkender hat sich von der Studie inzwischen distanziert, weil sie die Diskussion in Österreich um 15 Jahre zurückfallen lasse: „Das Plagiat scheint kein Bildungsproblem, sondern ein Imageproblem der Hochschulen zu sein“, schreibt der Philosoph Stefan Weber in seinem Blog: „Studierunfähigkeit, Quellen(arbeits)unmündigkeit und sekundärer Analphabetismus sind kein Thema. Die Sorge gilt auch nicht den Beklauten, die um ihr ‚geistiges Eigentum‘ gebracht wurden und den Falschen, die dann Karriere machen. Die Sorge gilt kurioserweise den Beschuldigten (!) und den Institutionen.“

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