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Landarztquote in NRW : Die Vorzüge der Provinz

Mediziner-Vorlesung in Halle-Wittenberg Bild: Picture-Alliance

Kaum ein Arzt will mehr auf dem Land praktizieren. Nordrhein-Westfalen führt deshalb eine Landarztquote ein. Darf man das Medizinstudium für politische Zwecke einsetzen?

          3 Min.

          In einer Praxis im Fränkischen wurden jüngst zwei Nachfolger gesucht. Nach langen Jahren vergeblichen Suchens wurde das Ehepaar, das die Praxis vierzig Jahre lang gemeinsam geführt hatte, fündig. Die Nachfolger hatten überaus präzise Vorstellungen von ihrer Tätigkeit. Sie wollten den Tag um halb zehn mit einem einstündigen Teamfrühstück beginnen und um sechzehn Uhr die Arbeit beenden, um noch Zeit für ihre Hobbys zu haben. Bei ihren Vorgängern, die von morgens acht bis abends acht, und oft in der Nacht, für ihre Patienten da gewesen waren, sorgte das für Irritation. Ebenso bei den Patienten.

          Thomas Thiel
          Redakteur im Feuilleton.

          Die Anekdote ist wahr, und sie bezeichnet ein bundesweites Problem: Kaum ein Arzt will mehr aufs Land. Gründe dafür gibt es viele. Doppelverdiener haben es in der ländlichen Peripherie schwer, adäquate Jobs für beide Ehepartner zu finden. Noch stärker wirkt sich der Mentalitätswandel aus. Der fordernde Beruf des Landarztes, der Unternehmer, Seelsorger und Therapeut in einem ist, übt auf den Medizinernachwuchs schlicht keinen großen Reiz mehr aus. Das Gros will geregelte Arbeitszeiten und möglichst wenig Verantwortung. Dazu kommt die große Zahl der weiblichen Absolventen (mehr als sechzig Prozent), die zwecks besserer Vereinbarkeit von Beruf und Familie bevorzugt in Teilzeit arbeiten. Und schließlich ist der Wunsch nach einem urbanen, akademischen Milieu nicht nur unter Medizinern verbreitet. Die vielgeforderte Aufstockung der Medizinstudienplätze würde das Problem also nicht lösen, solange kaum jemand aufs Land ziehen will.

          Umstrittene Quote

          Nordrhein-Westfalen hat deshalb als erstes Bundesland einen Gesetzesentwurf für eine Landarztquote vorgelegt. Der von Bund und Ländern beschlossene Masterplan 2020 zur Reform des Medizinstudiums stellt es den Ländern frei, bis zu zehn Prozent der Plätze an Studenten zu vergeben, die sich vertraglich verpflichten, nach dem Studium zehn Jahre in einer unterversorgten Region zu praktizieren. Nordrhein-Westfalen hat sich auf 7,6 Prozent festgelegt, konkret sollen vom Wintersemester 2019/2020 an 168 Plätze über die neue Quote vergeben werden. Bei Vertragsbruch drohen „empfindlichen Sanktionen“. Das Bundesgesundheitsministerium hat 150 000 Euro ins Spiel gebracht. Nordrhein-Westfalen will noch etwas drauflegen, hat aber noch keine konkrete Zahl benannt. Angesichts solcher Summen müssten sich auch Studenten aus vermögenden Elternhäusern einen Vertragsbruch überlegen.

          Dem NRW-Gesundheitsministerium fällt es nicht schwer, die medizinischen Versorgungslücken zu belegen, die für die Quote sprechen, und die sich in den nächsten Jahren noch einmal verschärfen werden, wenn viele Hausärzte in Rente gehen und nur wenige Bewerber auf ihre Stellen drängen. Im zurückliegenden Jahrzehnt stieg die Zahl der ausscheidenden Ärzte in dem Bundesland um achtzig Prozent und übertraf die der neu zugelassenen Ärzte um mehr als die Hälfte. Mit der Landarztquote wird diese Lücke nicht kurzfristig zu schließen sein. Ein Medizinstudium dauert nun einmal.

          Nicht nur aus diesem Grund ist die Quote bei den Ländern unbeliebt. Rheinland-Pfalz und Bayern wollen Nordrhein-Westfalen in absehbarer Zeit folgen, die meisten Bundesländer haben bisher aber die Finger von der Quote gelassen lassen oder warten ab, wie der Studienzugang nach dem Numerus-clausus-Urteil des Verfassungsgerichts bundesweit neu geregelt wird. In der Kritik steht die Quote, weil sie in die freie Lebensplanung eingreift und die Eigendynamik des Medizinstudiums ignoriert. Schwer wiegt auch das Argument, dass sie aus einem wissenschaftlichen Studium ein politisches Instrument macht und dafür mit dem Prinzip der Bestenauslese bricht. Am Ende bekommen vielleicht diejenigen Bewerber einen der hartumkämpften Studienplätze, die bereit sind, für die Politik in die Bresche zu springen. Denn nach welchen Kriterien die Befähigung zum Landarzt bemessen werden soll, ist eine offene Frage. In Nordrhein-Westfalen soll die Auswahl das Landeszentrum für Gesundheit übernehmen. Empathie und Sozialkompetenz sollen eine hervorgehobene Rolle spielen. Doch wie will man das prüfen? Und warum überlässt man die Auswahl nicht den Universitäten?

          Natürlich ist die Politik verpflichtet, die medizinische Versorgung auf dem Land zu sichern. Größere Praxisnähe und die Stärkung der Allgemeinmedizin im Studium, wie sie der Masterplan 2020 vorsieht, müssen den wissenschaftlichen Charakter nicht zwangsläufig in Frage stellen. Es ist eine Frage der Dosierung. Die Probleme der Quote – ihre späte Wirkung, ihr Zwangscharakter und die rechtliche Unsicherheit – ließen sich mit Anreizen für die Gründung von Landpraxen und die Weiterbildung zum Allgemeinarzt umgehen. Beide Wege werden in Nordrhein-Westfalen beschritten, doch vielleicht nicht in ausreichendem Maß. Das Problem liegt aber nicht allein auf medizinischer Ebene. Die Kommunen müssen für attraktive Bedingungen sorgen und etwas gegen die strukturelle Verödung der Dörfer tun. Vielleicht lernen die Mediziner dann auch die Vorzüge des Landarztdaseins, den dichten Patientenkontakt und die Anerkennung durch die Dorfgemeinschaft, wieder zu schätzen.

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