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Kolumne „Nine to Five“ : Schweigen und Schreien

  • -Aktualisiert am

Auch das bayrische Kabinett ist auf Videokonferenzen angewiesen. Bild: dpa

Normal sind in diesen Monaten die Extreme. Die Arbeitswelt pendelt sich zwischen Schreien und Schweigen ein. Mit dem Umschaltmodus hapert es allerdings noch.

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          Normalität ist ein wundervoller Zustand. Das zeigt sich spätestens dann, wenn die Kundschaft ausbleibt, die Steuerprüfung ansteht oder alle von der neuen Normalität sprechen. Normal sind in diesen Monaten Extreme. Die Arbeitswelt pendelt sich zwischen Schreien und Schweigen ein. Laut gesprochen wird viel, der Kollege durchdröhnt zwischen zwei Happen die Katzentisch-Atmosphäre der Kantine.

          Erstaunt wenden sich Köpfe um. Der demaskierte Kollege wird rot: „Entschuldigt, ich habe mir unter der Maske das laute Sprechen angewöhnt.“ Mit dem Umschaltmodus hapere es. Beifälliges Nicken. Am Homeoffice-Mittagspausen-Tisch posaunt das Kind Schulerlebnisse heraus. Interessant, aber geht das bitte eine Nummer leiser? „Wir müssen so laut reden, das wollen die Lehrer so, sonst versteht uns keiner.“ Stundenlang maskiert zu verbringen fordert seinen Tribut.

          Neben der Ruferei auf den Fluren häufen sich Situationen, in denen sich Stille ausbreitet und die Lautsprecher verstummen – vor allem in Videokonferenzen. Videochaterprobte Teams haben inzwischen den Bogen mit dem munteren Meinungsaustausch raus, aber wehe, wenig vertraute Kollegen schalten sich zusammen. Da muss austariert werden, wer wann spricht und sich Gehör verschafft.

          So viel Schweigen war nie

          Sehr oft wird höflich geschwiegen. Dem als hinterfotzig geltenden H. ins Wort fallen? Lieber nicht. Abwarten und am Tee nippen. Und die S.? Was ist mit deren Mimik, die konnten wir schon analog schwer deuten, lächelt die, oder grinst die hämisch? So viel Schweigen war nie. Stille breitet sich aus.

          Manchmal ist die künstlich erzeugt. „Ich schalte Laberbacken stumm, wenn es mir zu viel wird“, verrät der Chef. Umgekehrt geht das auch: Da fuchtelt der Kollege verärgert auf seiner Videokachel, seine Zornesfalten werden kratertief, die lauernden Augen schmaler. Die anderen diskutieren weiter. Erst kurz vor Schluss schaltet sich der stille Zornige ein und vermeldet ebenso frustriert wie kleinlaut: „Ich habe mich aus Versehen stumm geschaltet, bin auf das Mikrozeichen gerutscht.“ Dürfte den meisten schon mal passiert sein.

          Kollege M. gibt sogar zu, dass er sich bei Endlosbeiträgen, die sein Arbeitsgebiet nur streifen, selbst stumm schaltet. Kamera und Mikro aus, damit die anderen nicht mitbekommen, dass er die Kürbissuppe für seine Kinder püriert. Ist der Pürierstab aus, schaltet M. sich wieder zu. „Püriert, keiner düpiert, nennt sich Effizienz!“

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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