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Kolumne „Nine to five“ : Willkommen in der Wirklichkeit!

  • -Aktualisiert am

Auch Lehrer sind gerade besonders gefordert. Bild: dpa

Arzt möchte Carl unbedingt werden, zumindest erzählte er es eine Weile lang. Seit Corona hat sich das geändert. Doch der Sinneswandel hat durchaus gute Seiten.

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          Der junge Mann ist sympathisch und so naiv, wie erfolgsverwöhnte 17-Jährige nun mal sind, die modelmäßig aussehen und das auch wissen. Arzt möchte er werden. Das erzählt der Gymnasiast seit Jahren ungefragt jedem. Dazu fühle er sich berufen – das anregende Umfeld, die fordernden Fälle, die toughen Kollegen, das sei seins!

          Das Wissen, wie es sich als Arzt so arbeitet, speist er aus Serien und macht sich darüber lustig – „klar, das sind medizinische Märchenstunden“, grinst er abgeklärt. Jetzt mal im Ernst: Freunde seiner Eltern sind Ärzte, die bewundere er sehr. Nicht zuletzt aufgrund ihres Sozialstatus und des ansehnlichen Gehalts, wie er im Lauf seines Geplappers fallenlässt. Auch seine Mutter wird nicht müde zu erwähnen, dass Carl, nennen wir ihn so, Medizin studieren will. Etwas Glanz der künftigen Gottheit in Weiß, davon zeugt das eitle Beben in der mütterlichen Stimme, fällt auf die Familie.

          Doch lieber Lehrer?

          Seit Corona ist das alles anders. Die Mutter schweigt sich über Carls Berufspläne aus und stapft aus dem Raum, um abermals die Hände zu schrubben. Der Sohn aber redet. Bilder chinesischer Krankenhausflure und italienischer Intensivstationen haben sich ihm eingebrannt: erschöpfte Ärzte in Schutzanzügen an Betten Todkranker. Grausame Entscheidungen darüber, wer an Beatmungsgeräte angeschlossen wird. Triage? Vorher nie gehört. Sachliche Virologen, die Neuerkrankungen vorrechnen. Nein, so hart und gänzlich unglamourös hat sich Carl das mit der Medizin nicht vorgestellt.

          Extrovertiert, wie er ist, denkt er aktuell heftig darüber nach, Lehrer zu werden. Früher erschien ihm das piefig. Nun schwärmt er in höchsten Tönen vom wenig technikaffinen Englischlehrer, der sich in Rekordtempo aufs Online-Unterrichten eingestellt hat. Nun punktet der kreative Biologielehrer, der gute Tutorials bestreitet. Quasi über Nacht findet Carl den Pädagogenberuf „ungeheuer kreativ“, „wirklich herausfordernd“, „super sinnvoll“, Lehrer seien „Hidden Champions“. Dass es bei ihnen nicht um Leben und Tod gehe, stört ihn nicht. Eher im Gegenteil. Willkommen in der Wirklichkeit! Carl hat eine harte Lektion gelernt. Die ehrgeizige Frau Mama arbeitet noch dran. „Wobei ... Biolehrer können ja auch promovieren ...“ Sie sagt das mehr zu sich als zu ihrem geläuterten Sohn.

          In der Kolumne „Nine to five“ schreiben wechselnde Autoren einmal in der Woche über die Kuriositäten des Arbeits- und Hochschullebens.

          Ursula Kals

          Redakteurin in der Wirtschaft, zuständig für „Jugend schreibt“.

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